Dopingfall Ullrich: Aufputschmittel im Partydrink? - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Dopingfall Ullrich Aufputschmittel im Partydrink?

Während Jan Ullrich nach seinem positiven Doping-Befund erst einmal abgetaucht ist, arbeitet das Team Telekom zwei Tage vor dem Start der Tour de France eine Verteidigungsstrategie aus. In München bereitet sich die Staatanwaltschaft auf ein mögliches Ermittlungsverfahren gegen Ullrich vor.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Luxemburg - Kündigung oder Weiterbeschäftigung: Der verletzte Team-Telekom-Kapitän Jan Ullrich steht am Scheideweg seiner Karriere. So hat Teamchef Rudy Pevenage eine Kündigung des bis 2003 laufenden Vertrages als "eine Möglichkeit" in Betracht gezogen, doch Kommunikations-Direktor Jürgen Kindervater möchte dem Tourgewinner von 1997 eine Hintertür offen halten.

"Doping zur Steigerung der Leistung hätte arbeitsrechtliche Konsequenzen, die vertraglich festgelegt sind. Ich gehe aber davon aus, dass Ullrich keine Mittel zu diesem Zweck genommen hat. Wir werden uns diesen Fall sehr genau ansehen müssen", sagte Kindervater dem "Bonner General-Anzeiger" zu entsprechenden Klauseln in den Verträgen der Telekom-Fahrer. Bei einer unangemeldeten Kontrolle der deutschen Anti-Doping-Kommission in der Rehabilitation nach einer Knie-Operation wurde bei dem 28-Jährigen am 12. Juni das Stimulanzmittel Amphetamin in der A-Probe nachgewiesen. Vor einem Verfahren durch den Bund Deutscher Radfahrer kann Ullrich die Öffnung der B-Probe beantragen.

Reha-Klinik weist Vorwürfe zurück


Die Klinikleitung des Bad Wiesseer Medical-Parks hat am Donnerstag jeglichen Zusammenhang zwischen der medizinischen Rehabilitation und der Amphetamin-Einnahme zurückgewiesen. "Ein Zusammenhang unserer Maßnahmen mit dem Dopingfall ist völlig ausgeschlossen", sagte der Ärztliche Direktor der Reha-Klinik, Hubert Hörterer, der auch Leitender Mannschaftsarzt des Deutschen Skiverbandes ist. Die Einnahme von Aufputschmitteln "wäre kontraproduktiv".

Auch Ullrichs Freiburger Arzt Heinz Birnesser schloss gegenüber Radio Eins aus, dass er seinem Patienten Substanzen verschrieben habe, die Amphetamine enthalten. Er nährte Spekulationen, wonach Ullrich das Aufputschmittel mit einem Party-Drink konsumiert haben könnte. "Man muss Jan Ullrich jetzt erst einmal zu Wort kommen und ihn erklären lassen, wie er dazu gekommen ist."

Staatsanwaltschaft geht in Stellung


Ärger droht dem Olympiasieger von Sydney nicht nur vor den Sportgerichten. "Wenn die B-Probe auch ein positives Ergebnis bringt und keine ärztliche Verordnung für den Gebrauch von Amphetaminen bei Jan Ullrich vorliegt, werden wir die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens prüfen", erklärte Oberstaatsanwalt Eduard Mayer von der Staatsanwaltschaft München II in der ARD. Da die Dopingkontrolle in Bad Wiessee am Tegernsee durchgeführt wurde, ist die diese Ermittlungsbehörde zuständig.

Die B-Probe des am 12. Juni anlässlich der überraschenden Kontrolle genommenen Urins soll am Freitag geöffnet werden. Bisher ist bei Ullrich von einer ärztlichen Verordnung, die eine Einnahme von bestimmten Amphetaminen unter Umständen zulässt, nichts bekannt. "Zum Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz kann der Besitz und möglicherweise auch der Konsum von Amphetaminen zählen", sagte Mayer und ergänzte: "Wir behalten die Angelegenheit Ullrich sehr im Auge."

Ullrich beurlaubt


Momentan ist das nicht möglich, denn der Merdinger ist abgetaucht und verweigert Erklärungen. Sein Manager Wolfgang Strohband sagte: "Er ist nicht hier, bald aber wieder da." Die vordringlichsten Termine in Ullrichs engstem Umfeld wickelt Strohband ab. Er glaubt nicht, dass die millionenschweren Kontrakte seines Klienten in Gefahr sind. "Ich habe die Sponsoren informiert. Von ihnen gibt es keinerlei Reaktionen in Richtung Vertragsauflösung", sagte Strohband. Beim Team Telekom sei man momentan dabei, die weitere Vorgehensweise abzustimmen. Zunächst einmal wurde Ullrich beurlaubt. "Das ist so üblich", erklärte Godefroot. "Die internationalen Sportgruppen sind übereingekommen, dass Fahrer mit einer positiven A-Probe beurlaubt werden, bis das Ergebnis der B-Probe vorliegt."

Hinter den Kulissen arbeiten derweil die Ullrich-Anwälte auf Hochtouren, um eine Verteidigungslinie aufzubauen. Team-Sprecher und Ex-Profi Olaf Ludwig erklärte: "Alle Beteiligten müssen sich zunächst zusammensetzen, bevor wir sagen können, wie es weitergeht und welche möglichen Konsequenzen es geben wird."

"L'Equipe": "Ullrichs Akte ist ganz schön schwer geworden"


In der internationalen Presse spiegelt sich der spektakuläre Dopingfall am Donnerstag unterschiedlich wider. "Ullrich geht in die Dopingfalle", titelte die italienische Zeitung "Corriere della Sera". In "La Stampa" hieß es: "In Deutschland schlug die Nachricht wie eine Bombe ein". Moderater gingen die französischen Medien mit dem Tour-de-France-Helden um. "Im Verlauf der letzten Monate ist die Akte Ullrich ganz schön schwer geworden - angefüllt mit Zwischenfällen, die nichts mit dem Radsport zu tun haben", bemerkte die Sportzeitung "L'Equipe".

Trotz der rigorosen Politik des Bonner Rennstalls sah sich das Team Telekom vor dem Fall Ullrich bereits mehrfach mit Dopingvorwürfen konfrontiert. Der frühere Kapitän Bjarne Riis musste sich wegen angeblich zu hoher Hämatokritwerte verteidigen. Alberto Elli, Dirk Müller und der beim jüngsten Giro d'Italia ertappte Roberto Sgambelluri wurden jeweils nach ihrem Wechsel zu anderen Teams auffällig. Christian Henn beendete im Vorgriff auf eine mögliche Sperre wegen Dopingmissbrauchs im Oktober 1999 seine Karriere.