Dopingfall Winokurow: Augen auf und durch! - DER SPIEGEL
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Dopingfall Winokurow Augen auf und durch!

Der Fall Winokurow - ein neuer, riesiger Schatten über der Tour 2007. Er ist aber auch ein Beweis dafür, dass der Radsport eine Chance hat: dank eines verbesserten Kontrollsystems.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das ist ein guter Tag für den Radsport und die Tour.

Der große Wert dieses 24. Juli 2007, an dem Alexander Winokurows Blutdoping-Befund ans Licht kam und sein Rennstall Astana die Bühne in Frankreich verließ, wird erst in Jahren für alle sichtbar werden. Dann, wenn selbst die Uneinsichtigen endlich erkannt haben, dass das Doping-Kontrollsystem von 2007 engmaschig, gut organisiert ist - und nichts mehr mit dem der vergangenen Veranstaltungen zu tun hat.

Natürlich ist das System noch nicht perfekt. Doch dass auch die vermeintlich Großen des Radsports wie Winokurow erfasst werden, zeigt, wie eng die Dopingfahnder ihr Netz inzwischen spinnen. Jörg Jaksches hatte in seiner Dopingbeichte im SPIEGEL mögliches Doping von Winokurow angedeutet, den Namen des Kasachen aber nicht genannt.

Zunächst waren es nicht mehr als Vermutungen, die gegen den 33-Jährigen sprachen. Zu viele, um seine Siege feiern zu können. Zu wenig, um ihn zu überführen. Dass seit heute nicht mehr die Gerüchte und Vermutungen die Meldungen bestimmen, sondern ein erster Fakt, ist ein großer Erfolg der Fahnder.

Fakten sind ein Zeichen der Stärke, schon deshalb ist es ein Tag des Erfolgs. Ein noch größerer Erfolg könnte die abschreckende Wirkung dieses Dopingnachweises sein.

Winokurow ist ein sehr gewissenhafter Planer. Jeder Antritt, jeder Meter im Windschatten, jeder taktische Winkelzug des Astana-Mannes hatte Sinn. Seine Enttarnung resultiert also vermutlich nicht aus Unaufmerksamkeit oder Schlamperei. Die Dopingfahnder haben offensichtlich schlicht seine akribischen Pläne durchkreuzt. Andere Fahrer mit einer Vorliebe für künstliche Schnellmacher werden es sich nun zweimal überlegen, ob sie diese Art des Dopings weiter für schwierig nachzuweisen halten sollen.

Eines darf man allerdings nie vergessen: Frankreich ist ein Vorreiter in Sachen Anti-Doping-Politik. 19 Millionen Euro ist dem Staat der Kampf jährlich wert. In Deutschland muss die Nationale-Anti-Doping-Agentur in diesem Jahr mit einem Zehntel dieses Betrages auskommen. In Spanien werden Namen verdächtigter Fahrer aus den Akten von Fuentes einfach gestrichen - wie im Fall Alberto Contador, der momentan auf Platz 2 der Tour-Gesamtwertung steht. Oder die Ermittlungen werden eingestellt (Alejandro Valverde). In Italien wird vor Gericht so lange geklagt und vertagt, bis ein Fall verjährt ist (Epo-Doping bei Juventus Turin). Würde das größte Radrennen der Welt nicht in Frankreich stattfinden - dann könnten die nun bekannten Ausmaße des Dopingmissbrauchs im Radsport wohl nur erahnt werden.

Das Problem für die Tour ist: Mit jedem neuen aufgedeckten Dopingfall wird sie in der öffentlichen Wahrnehmung immer mehr zur Farce eines sportlichen Wettbewerbs. Dass Razzien bei Rennställen einen abschreckenden Effekt haben, dass das Anti-Doping-System richtig zu funktionieren beginnt - das wird die aktuelle Tour aus sportlicher und Zuschauersicht nicht mehr retten. Schon wegen der schieren Zahl an Hiobsbotschaften:

  • Der Führende, Michael Rasmussen, gilt nach vier Verstößen gegen die Kontrollordnung des Weltradsportverbandes UCI und den Vorwürfen seines ehemaligen Freundes Whitney Richards als schwer dopingverdächtig. UCI-Chef Pat McQuaid sagt, dass er sich den Dänen nicht als Toursieger vorstellen will.
  • Der Zweitplatzierte Contador war mutmaßlicher Kunde eines einschlägigen Mediziners.
  • Dann noch viel zu hohe Testosteronwerte bei der A-Probe von T-Mobile-Fahrer Sinkewitz.
  • Heute nun der Dopingfall des zweimaligen Etappengewinners Winokurow, der mit seinen Siegen beim Zeitfahren und auf der gestrigen Pyrenäen-Etappe die Stehaufmännchen-Märchen bereicherte. Mit seinem Dopingverstoß reißt Winokurow nicht nur die Tour, sondern auch seinen Rennstall mit in den Schmutz.

Nur wer beide Augen schließt, wird jetzt seine Hände noch ohne schlechte Gefühle zum Beifall bewegen können. Der Rest ist Entzauberung eines Mythos - mit hoffentlich heilsamer Wirkung.