Dopingskandal: Der Leitwolf stolpert hinterher - DER SPIEGEL
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Dopingskandal Der Leitwolf stolpert hinterher

Er war der Anführer der Telekom-Mannschaft von 1996, ein Vorbild für Jan Ullrich. Heute wird sich der Däne Bjarne Riis zu den Doping-Anschuldigungen äußern - als siebtes Team-Mitglied. Für einen Mann, der immer seinen eigenen Weg gegangen ist, ein später Entschluss.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Von Bjarne Riis stammt der Ausspruch: "Selbst ist der Mann. Wer was erreichen will, muss es sich schon selbst holen." Zeit seiner Karriere hat der Däne versucht, dieser Maxime zu folgen. In mittlerem Sportleralter hat ihm das großen Erfolg beschert. Zwischen 1993 und 1995 schloss Riis die Tour de France zweimal als Dritter und einmal als Fünfter ab. 1996, in seinem ersten Jahr im Team Telekom, gewann er die Rundfahrt.

Auf diese Zeit Mitte der neunziger Jahre beziehen sich die Vorwürfe des damaligen Betreuers und Masseurs Jef D'hont im SPIEGEL, der den Telekom-Rennstall des systematischen Dopings beschuldigt und in dessen Folge inzwischen sechs frühere Profis Dopingkonsum gestanden haben. Wenn es um die Aufarbeitung dieser Jahre geht, Hintergründe seiner Erfolge, Fragen nach Doping, ist aus Riis, dem Mann der Tat, bislang immer ein Mann der Untat geworden.

Körperlich ist er dann anwesend, stellt sich den Medien und schaut entschlossen in die Kamera. Nur: Er sagt nicht viel. "Du verlierst nur Zeit, wenn du auf jedes Gerücht eingehst." Auch diesen Leitsatz hat Riis bei seiner eigenen Vergangenheitsbewältigung immer befolgt. Bis zum heutigen Tag.

Um 16.30 Uhr wird der inzwischen 43-Jährige in Kopenhagen vor die Presse treten. Das Gerücht, nachdem Riis seit 1999 den Spitznamen "Mister 60 Prozent" trägt, weil sein Hämatokritwert die erlaubten 50 Prozent bei Saisonhöhepunkten deutlich überschritten haben soll, ist zu groß geworden, um es wegzudiskutieren. Die Fachwelt erwartet heute Nachmittag ein Geständnis. Die Hoffnung, mehr als das bislang Gehörte präsentiert zu bekommen, ist jedoch gering.

Riis wäre der siebte ehemalige Team-Telekom-Fahrer, der sich des Dopings bekennt, der dritte Toursieger nach Fausto Coppi und Jacques Anquetil. Sein Geständnis wäre, international gesehen, sicherlich das spektakulärste bislang. Nur Jan Ullrich und der damalige Teamboss Walter Godefroot könnten mit ihren Beichten eine größere Wirkung erzielen.

Denn Riis war der Kapitän der Mannschaft von 1996, ihr Zugpferd - auch das von Ullrich. Und er ist auch heute noch in leitender Funktion als Chef des CSC-Teams im Radsport aktiv. Welche Auswirkungen die Beichte auf seinen Rennstall, in dem auch der Deutsche Jens Voigt fährt, haben wird, ist schwer vorauszusagen.

Als Teamchef wird sich Riis nicht selbst feuern, doch der Sponsor CSC, ein amerikanisches IT-Beratungs- und -Dienstleistungsunternehmen, wird sich eine weitere Zusammenarbeit überlegen. Riis ist mit dem Szenario vertraut: Bereits 2001 macht er die Erfahrung, aufgrund seiner vermeintlichen Dopingvergangenheit Teamsponsoren zu verlieren. Damals zogen die Unternehmen Memory Card und Jack & Jones innerhalb kürzester Zeit die Finanzierung für den gleichnamigen Rennstall zurück, den der Ex-Profi damals leitet.

Doch ein Riis gibt nicht auf. Fanatisch verfolgt er seine Ziele. Noch im selben Jahr gründet er den Rennstall CSC-Tiscali und baut ihn zu einem der erfolgreichsten im Profi-Radsport auf. Er bedient sich Methoden, die noch keiner kennt. Er scheucht seine Profis mitten in der Nacht auf das Mountainbike, jagt mit ihnen in Kajaks reißende Flüsse hinab oder lässt sie mit verbundenen Augen durch den Wald irren. Riis nennt das Teambuilding, die Fahrer nehmen die Abwechslung dankend an. "Bei CSC ist alles moderner. Es wird sehr auf Details und Modernität in Trainingsmethodik geachtet", sagt Voigt, als er 2004 zum Team stößt.

Schon als Rennfahrer ging Riis eigene Wege. Sein Trainingspensum galt als unmenschlich hoch, früh setzte er technische Hilfsmittel in seiner Trainingsgestaltung ein, seine Ernährung war minutiös geplant. Laut Jef D'hont ist sein Dopingkonsum in dieser Zeit zumindest im Team Telekom unerreicht.

"Riis konnte kaum noch die Finger bewegen. Sein Körper war vollkommen verkrampft. Durch die vielen Überdosen war sein Körper vollkommen durcheinander", schreibt D'hont in seinem Buch "Erinnerungen eines Radsportbetreuers" , "zu viel Epo, zu viel Wachstumshormon, zu viel Testosteron. Sein Blut war schleimiger Sirup. So dick, dass er jeden Augenblick an einem Herzstillstand sterben konnte."

Auch im Erfolg, den ihm die Drogen schenken, bleibt er kompromisslos: Riis ist der einzige Tour-de-France-Sieger seit Beginn der Neunziger, der seine Prämie für sich behält und nicht mit seinem Team teilt.

1996 wird das als Lohn seiner großen Mühen angesehen, heute fallen solche Dinge auf ihn zurück. Die dänische Zeitung "Extrabladet" bezeichnet ihn als "Meister der Lügen", die "Süddeutsche Zeitung" titelt: "Blaue Augen können lügen." Seine Glaubwürdigkeit leidet: Tyler Hamilton, einen ehemaligen Fahrer des CSC-Teams und 2002 und 2003 des Dopings überführt, empfängt er immer noch gerne. Auch die lange aufrecht gehaltenen Verbindungen zu den dubiosen Medizinern Francesco Conconi und Luigi Cecchini werden nun kritischer gesehen. Als er vor der Tour 2006 viel zu zögerlich seinen Kapitän Ivan Basso suspendierte, drehte sich endgültig die Stimmung gegen ihn - trotz seiner offensiven Anti-Doping-Beteuerungen.

Heute schreitet Bjarne Riis wieder zur Tat - und hoffentlich zur Wahrheit.

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