Von Ovtcharov bis Krabbe: Prominente Clenbuterol-Fälle
Dopingverfahren gegen Ovtcharov Freispruch süß-sauer
Für die Veranstalter des World Cups in Magdeburg Ende Oktober gibt es keine bessere Werbung. Die gesamte Tischtennis-Weltelite ist in Sachsen-Anhalt am Start - und seit diesem Freitag steht fest, dass auch Dimitrij Ovtcharov, die Nummer zwei im deutschen Tischtennis hinter Timo Boll, dabei sein wird. Die Nischensportart Tischtennis hat es dank Ovtcharov wieder in die erste Reihe der öffentlichen Aufmerksamkeit geschafft - auch wenn die Ursache weniger sportlicher Natur ist, sondern in dem kuriosen Dopingfall um den bei Ovtcharov gefundenen verbotenen Wirkstoff Clenbuterol begründet liegt.
Ovtcharovs Dopingsperre ist vom Deutschen Tischtennisbund mit sofortiger Wirkung beendet worden, der Spieler vom Verdacht befreit - obwohl sowohl A- als auch B-Probe den 22-Jährigen belastet hatten. Die DTTB-Funktionäre sehen die Version des Sportlers, verunreinigtes Essen während einer Chinareise im August habe zu dem Fund des verbotenen Wirkstoffs geführt, als glaubwürdig an. Der Kölner Anti-Dopingexperte Wilhelm Schänzer, der die Proben im Auftrag des DTTB analysiert hat, hat Ovtcharov mit der Begründung entlastet, der Einsatz von Clenbuterol in der Tiermast sei "bekannt".
Für andere Sünder, vor allem den dreifachen Tour-de-France-Sieger Alberto Contador, bei dem ebenfalls der Wirkstoff im Blut gefunden wurde, ist dies jedoch kein Präzendenzfall.
Auch Contador zieht sich auf das Essens-Argument zurück. Das Clenbuterol müsse in einem Stück Kalbfleisch gesteckt haben, das ihm spanische Freunde während der Tour de France zubereitet hätten. Das klingt jedoch nur auf den ersten Blick nach einer direkten Parallele zum Fall Ovtcharov. Während der Tischtennisspieler darauf verweisen kann, dass in China Clenbuterol durchaus noch illegal zur Kälber- und Schweinemast verwendet wird, kommt dies in Europa aufgrund verschärfter EU-Kontrollen kaum noch vor. Die regionalen Behörden hatten denn auch nach Bekanntwerden des Verdachts gegen Contador darauf hingewiesen, dass schon seit Jahren kein verunreinigtes Fleisch mehr in der betreffenden Gegend im spanisch-französischen Grenzgebiet aufgetaucht sei.
Contadors Fall nicht vergleichbar
Contador hat zudem das Problem, dass in seiner Blutprobe auch Rückstände von Weichmachern gefunden wurden, die darauf hindeuten, dass ihm möglicherweise Blut aus Plastikbeuteln zugeführt wurde - ein Indiz, das für Blutdoping spricht. Auch dieses Thema hat bei Ovtcharov keine Rolle gespielt.
Dennoch hat auch der Deutsche am Freitag lediglich einen Freispruch zweiter Klasse erhalten. Die Aufnahme über verunreinigte Lebensmittel sei "die wahrscheinlichste Befunderklärung", hat Schänzer ausgeführt, beweisen konnte auch er Ovtcharovs Unschuld nicht. Maßgeblich geholfen hat dem Sportler allerdings, dass eine Haarprobe, die er nachträglich abgegeben hat, ein negatives Ergebnis erbrachte. Beleg dafür, dass die Konzentration des Clenbuterols sehr gering gewesen sein muss.
Was den 22-Jährigen allerdings weit mehr entlastet hat, dürfte der Umstand gewesen sein, dass auch die Proben von vier anderen Nationalspielern, die ebenfalls in China waren, nachträglich noch einmal überprüft wurden und auch dort geringe Rückstände von Clenbuterol gefunden wurden. Ovtcharov selbst hat dies dem SPIEGEL gegenüber als "Hauptentlastung" bezeichnet.
Auch Franke stützt den Freispruch
Rückendeckung hat der Tischtennisspieler auch vom Anti-Dopingexperten Werner Franke erhalten. Clenbuterol-Doping sei im Tischtennis wenig förderlich: "Die häufigste Nebenwirkung von Clenbuterol- Doping ist unkontrolliertes Gliederzittern", sagte Franke: "Wenn ein Tischtennisspieler Clenbuterol zum Doping nehmen würde, müsste das schon ein Selbstmörder sein."
Das Heikle an dem DTTB-Schiedsspruch liegt denn auch woanders: Das Argument, in Asien etwas Falsches gegessen zu haben, könnte künftig öfter herhalten, um Clenbuterol-Werte zu erklären. Damit wäre Manipulateuren eine hervorragende Argumentation an die Hand gegeben, um den Einsatz von Clenbuterol zur Leistungssteigerung zu verschleiern. Die Auskunft chinesischer Behörden, das betreffende Essen sei sauber gewesen, hat bei dem Schiedsspruch des DTTB offenbar auch keine Rolle gespielt.
Zudem fragt man sich angesichts der ausgefeilten Ernährungspläne der Top-Athleten schon, wie einem Spieler der Weltklasse, einem Zwölften der Weltrangliste, so ein Fauxpax unterlaufen kann. Peinlich ist die Angelegenheit für Ovtcharov in jedem Fall.
Nada-Protest ist nicht zu erwarten
Für den Spieler hat die ganze Affäre wahrscheinlich keine Konsequenzen. Die Nationale Anti-Dopingagentur Nada hat zwar offiziell noch die Möglichkeit, Protest gegen die DTTB-Entscheidung einzulegen. Aber da der Tischtennisverband in den vergangenen Wochen in dauerndem Kontakt mit der Nada stand, ist von deren Seite nicht viel zu erwarten. Dass die Welt-Anti-Dopingagentur Wada ihre deutsche Tochter überstimmt und gegen Ovtcharov vorgeht, ist auch kaum vorstellbar.
"Man sieht, dass es im Anti-Dopingsystem auch gerechte Entscheidungen gibt", teilte Ovtcharovs Anwalt Michael Lehner dem SPIEGEL in seiner Reaktion mit. Und der Sportler selbst, der von seinem Freispruch in Paris erfuhr, zeigte sich "mega-glücklich". Nun könne er wieder seinem "Lebensinhalt, dem Tischtennissport ohne Wenn und Aber nachkommen", teilte er per Presseerklärung mit. Ovtcharov hatte zuvor davon gesprochen, der Tag, an dem er von dem Verdacht erfahren habe, sei "der schlimmste Tag in meinem Leben" gewesen.
Aufregungen sind ihm in seiner Sportkarriere allerdings nicht fremd. Im Vorjahr bei der Europameisterschaft in Stuttgart wäre er kurzfristig auch schon fast aus dem Verkehr gezogen worden. Er hatte sein Spielgerät mit einem zu dicken Belag ausgestattet. Von "Schläger-Doping" war damals die Rede. Ovtcharov erhielt denn doch die Erlaubnis, mit einem Ersatzschläger anzutreten.
Anschließend wurde er Europameister mit der Mannschaft.