Kritik am DOSB "Sonst geht alles gegen den Baum"
Diskuswerfer Harting: "Ich hoffe, dass sich wirklich etwas ändert"
Foto: Alexander Hassenstein/ Getty ImagesHamburg - Auch einen Monat nach den Olympischen Sommerspielen in London wird der Deutsche Olympische Sportbund DOSB heftig kritisiert. Jetzt haben sich der Deutsche Tischtennis-Bund DTTB und Diskusolympiasieger Robert Harting haben sich in der Debatte um die Förderkriterien im deutschen Sport zu Wort gemeldet.
"Wir bezweifeln, dass die aktuellen und aus Steuergeldern bestehenden Investitionen in den Leistungssport optimal den gesellschaftspolitischen Zielen des Landes dienen", heißt es in einem von DTTB-Präsident Thomas Weikert und Ehrenpräsident Hans Wilhelm Gäb verfassten Schreiben an führende Sportpolitiker. "Die Bedeutung des Breitensports als Basis für den Leistungssport wird nicht berücksichtigt, und die Verteilung der Fördergelder folgt unklaren Prinzipien."
Beim einseitigen Streben nach olympischen Medaillen, der derzeit zentralen Grundlage der Sportförderung, würde die Wichtigkeit der Vereins- und Breitensportstruktur in Deutschland mit über 90.000 Vereinen und rund 28 Millionen Mitgliedschaften völlig außer Acht gelassen. Der Breitensport sei, so Weikert, auch die Basis der Elite, was aber in der Förderung nicht berücksichtigt werde. "Das Fördersystem der Zukunft sollte von einem schlüssigeren und um mehr Chancengleichheit bemühten Konzept getragen werden", so Weikert und Gäb.
Der DOSB die Kritik zurück: "Mit großer Verwunderung habe ich die heutige Stellungnahme des DTTB zur Kenntnis genommen", sagte Christa Thiel, die DOSB-Vizepräsidentin Leistungssport. Über die Leistungssportförderung und deren Ausrichtung für den nächsten Olympiazyklus sei bereits vor den Olympischen Spielen diskutiert worden. Eine Stellungnahme des Deutschen Tischtennis-Bundes (DTTB) habe weder den DOSB-Gremien noch bei einer Klausur zum Förderthema am 13. September vorgelegen.
"Ich hoffe, dass sich wirklich etwas ändert"
Diskuswerfer Harting sagte: "Die Verteilung des Geldes ist undurchsichtig. Da hat der Deutsche Olympische Sportbund einiges zu tun, man muss selbstkritisch mit sich umgehen. Ich hoffe, dass sich wirklich etwas ändert, sonst geht das alles gegen den Baum."
Der 27-Jährige fühlt sich vom DOSB ungerecht behandelt, "wenn der Verbandspräsident mir persönlich sagt: 'Unser Ziel ist nicht die Finanzierung der Athleten, sondern die duale Karriere. Wenn Athleten Geld verdienen wollen, sollen sie Lotto spielen' - das höre ich von dem DOSB-Präsidenten. Ich, der acht Stunden am Tag trainiert und danach noch zwei Stunden Uni macht. Da fehlen mir die Worte, da fehlen mir einfach die Worte. Das ist sowas von daneben. Das ist so selbstgefällig und einfach blass", so Harting.
Der DOSB zeigte sich angesichts der Aussagen gelassen: "Wir freuen uns über jeden Diskussionsbeitrag. Dies gilt selbst in diesem Fall, wo Robert Harting offenkundig polemisch und auf falschen Fakten basierend argumentiert. Der DOSB unterstützt die Sporthilfe und damit die Athletenförderung vertraglich fixiert mit jährlich 1,2 Million Euro - pro Olympiade also 4,8 Millionen Euro, das scheint Robert Harting nicht zu wissen", sagte DOSB-Generaldirektor Michael Vesper.
Platz sechs in der Nationenwertung
Zudem habe "die Athletenkommission die duale Karriere zu einem ihrer wichtigsten Anliegen gemacht. Denn die Verbindung von sportlicher und beruflicher Karriere ist für unser Gesellschaftssystem eine adäquate Zielsetzung".
Als unbeteiligter Dritter hat sich das Institut für Angewandte Trainingswissenschaften in Leipzig Iat in die Debatte eingeschaltet und Fehler im deutschen System aufgedeckt - nur Stunden, bevor sich der Sportausschuss im Bundestag mit den Olympischen Spielen in London befasste.
Erste Ergebnisse der Olympischen Spiele, bei denen die deutsche Mannschaft mit 44 Medaillen (11 Gold/19 Silber/14 Bronze) Platz sechs der Nationenwertung belegte, würden zeigen, dass Deutschland nicht mehr zu den führenden Nationen in den Sommersportarten gehöre und bei einer Vielzahl der Sportarten sei die Trendwende verpasst worden, stellten die Wissenschaftler fest. Der zielorientierte, langfristige Leistungsaufbau vom Nachwuchs in den Spitzenbereich müsse verbessert werden.
"Schlüsselelement ist und bleibt die Erhöhung der Wirksamkeit des Trainings", sagte Iat-Direktor Arndt Pfützner. Auch der einstige Wettbewerbsvorteil der Deutschen durch hochwertige Trainingstechnologien sei mittlerweile fast aufgebraucht. Exakt 500 Tage vor Beginn der Olympischen Winterspiele 2014 befürchtet Pfützner auch in Sotschi ein Abrutschen des deutschen Teams in der Nationenwertung. "Wenn wir die neuen Sportarten nicht in den Griff bekommen, wird es schwierig, eine Spitzenposition zu erreichen", sagte er.