Eishockey Der Neuling holt die Meisterschaft
München - Die Nummer neun, Stefan Mann, und die 41, Patrik Carnbäck, brauchen Trost. Heulend stehen die zwei jungen Damen, die Trikots von Spielern tragen, die seit Jahren nicht mehr bei den Kölner Haien sind, vor dem Mannschaftsbus. "Hey, es ist alles nur ein Spiel", bemüht sich einer, der vielleicht selbst Trost gebrauchen könnte, Kölns kanadischer Stürmer Jean-Yves Roy. Doch die Mädchen flennen jetzt noch mehr, Roy nimmt sie in den Arm. Dann mahnt der Busfahrer hupend zur Abfahrt. Geräusche des Sieges klingen anders.
Eher so wie drinnen in der Münchner Eissporthalle. Dort lärmt, dröhnt und scheppert es. Zum etwa 32. Mal läuft "Die Hände zum Himmel", das Lied, mit dem die Kölner Karnevalsgruppe Kolibris die Session dominiert hat. Auf der Eisfläche herrscht Chaos. Mit einem Einkaufswagen kurven Betreuer zwischen zertrampelten Bierbechern, taumelnden Fans, Fotografen und Spielern herum und suchen die Ausrüstung zusammen. Als die Schlusssirene ertönte, haben die Barons einfach Handschuhe, Stöcke und Helme von sich geworfen. Der Kram wird nicht mehr gebraucht, die Saison ist zu Ende und die München Barons haben das letzte Spiel gewonnen. 4:3 (2:1, 2:1, 0:1) am Feitag, es war der entscheidende Erfolg zum 3:1-Endstand der Serie.
Trainer Sean Simpson legt seine Arnold-Schwarzenegger-Mimik ab, lacht, hoppst auf dem Eis herum und fällt seinem Kapitän Simon Wheeldon in die Arme. "Wir haben uns den Titel verdient", sagt Simpson. Die München Barons sind Eishockey-Meister 2000. Bernd Schäfer III hat die große Silberkanne übergeben, und obwohl er Kölner ist, gratuliert der scheidende DEL-Chef aufrichtig: "Sie waren die bessere Mannschaft." Stürmer Alexander Serikow, der das 4:2 erzielt hat, steht inmitten des Trubels und raucht Zigarre. "Dass wir Meister werden, hat keiner geglaubt", sagt er lächelnd.
In München erst recht nicht. In der Fußballmetropole an der Isar hat kaum einer wahrgenommen, was da passiert ist. "In München kennt euch keine Sau", haben die Kölner Fans gesungen. Und tatsächlich schauen die Nachtschwärmer auf der Leopoldstraße im schicken Schwabing ziemlich irritiert, als der Autokorso der blauweißen Barons-Anhänger anrückt. In der Nachmittags-Sportsendung am Nachmittag vor dem vierten Spiel hat der Bayrische Rundfunk zwar ausgiebig die Chancen des Zweitligisten 1. FC Nürnberg zum Spiel in Oberhausen beleuchtet, über die Barons aber kein Wort verloren. Der Prozess der Wiederbelebung von Eishockey in München ist noch lange nicht abgeschlossen. Mausetot war das Thema , seit das ambitionierte Projekt namens Maddogs jämmerlich vor dem Konkursrichter endete. Das war 1994, im ersten DEL-Jahr, als Köln Meister wurde.
Der Neuanfang war schwer genug, nachdem US-Millionär Philip F. Anschutz die Lizenz des EV Landshut kaufen ließ. Obwohl die Barons von Beginn an der Tabellenspitze mitmischten, verloren sich manchmal nur 1500 Zuschauer in der Eissporthalle des Olympiaparks. Erst seit Mitte der Saison ziert der Schriftzug eines Hauptsponsors die Trikots. Nach dem Titel stehen die Münchner vor der schwierigen Aufgabe, auch im nächsten Jahr etwas annähernd Gutes zu bieten. Lance Nethery kennt dieses Problem. Er hat es in Mannheim perfekt gelöst und ist immer wieder Meister geworden. Drei Mal in Serie.
Viermal hintereinander wäre Rekord gewesen, aber Konjunktiv ist nicht das Ding von Lance Nethery. "München war diesen Tick besser," sagt er nach dem Spiel auf dem Parkplatz vor der Halle und nippt an einer Dose Becks, "sie hatten auch Glück, und das haben sie sich erarbeitet." Sein Team habe im Finale nicht mehr in den feinen Lauf zurückgefunden, den es in der Runde davor gegen die Berlin Capitals hatte. Wenn es eine Schlüsselszene gab, sagt Nethery, dann war es jene Sekunde in Spiel zwei, als Todd Hlushko vor dem Tor zum 2:3 die Scheibe direkt zum Gegner beförderte und den mentalen Vorteil gleich mit. Fortan machten die Münchner aus fast jedem Kölner Fehler ein Tor, während die Haie die Scheibe von einem zum anderen schoben und nicht mehr entscheidend trafen.
Trotzdem war es knapp im vierten Spiel, nach John Miners Anschlusstor (47.) fand Millen zweimal innerhalb von Sekundenbruchteilen den Pfosten. Der Videobeweis verhinderte wenig später die Anerkennung eines vermeintlichen Treffers von Norris. "Es ist sehr, sehr schade, denn du bekommst nicht oft die Gelegenheit, in einem Finale zu stehen", sagt Kölns Verteidiger Jörg Mayr. Für ihn war es zwar schon das fünfte, vier hat er verloren.
Was gab diesmal den Ausschlag? Der überragende Münchner Torwart Rousson, das schlechte Kölner Powerplay, die größere Kraft? "Ich will niemandem die Schuld geben", sagte Nethery. "Unsere Mannschaft hat Charakter. Für mich ist der Titel keine Überraschung. Es war eine großartige Saison", meint Rousson. Mit einer heftigen Party, man kann getrost auch Sauferei sagen, endet so eine Saison. Auf beiden Seiten. Einige Spieler wie Haie-Kapitän Bruno Zarrillo müssen noch bei der A-Weltmeisterschaft spielen, andere wie Tomas Forslund oder Mayr werden operiert.
Schon nächste Woche werden die meisten Mitglieder beider Mannschaften in Übersee weilen. Die Familiensaison beginnt. Im August kehren sie dann alle wieder zurück, um sich auf die Mannschaften zu verteilen. Zum Beispiel auf die Kölner, den Traditionsklub und siebenmaligen Champion, auf die Barons, den Titelverteidiger und, wie die Dinge liegen, auf den nächsten Neuling, die Hamburg Crocodiles.