Eishockey: Traumstart durch grenzenlosen Einsatz - DER SPIEGEL
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Eishockey Traumstart durch grenzenlosen Einsatz

Nach dem Sieg gegen den ehemaligen Vizeweltmeister Slowakei zum Auftakt des olympischen Eishockeyturniers dürfen die Zach-Schützlinge mit der Hauptrunde liebäugeln. In der Nacht zum Montag heißt der Gegner aber erst einmal Österreich.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Salt Lake City - Hans Zach hat Metzger gelernt. Wenn der Eishockey-Bundestrainer so richtig grimmig dreinschaut - und das tut er fast immer -, traut man sich kaum, ihm zu widersprechen. Nationalmannschaftskapitän Michael Rumrich aber hatte laut über das Erreichen der Runde der besten Acht bei den Olympischen Spielen nachgedacht. Da wetzte Zach die Messer.

"Der setzt sich wohl auf das eine Prozent", knurrte der 52-Jährige Bad Tölzer, der die Chancen der deutschen Nationalmannschaft auf die Hauptrunde mit "1:99" bezifferte. Das war vor dem Auftaktspiel gegen die Slowakei, gegen die Deutschland in neun Vergleichen achtmal den kürzeren gezogen hatte.

Nach dem 3:0-Erfolg gegen den Vizeweltmeister von 2000 wollte Zach, der mit den deutschen Puckjägern vor zwei Jahren noch in den Niederungen der B-Klasse steckte, von Zahlenspielen nichts mehr wissen. In den Katakomben des E-Centers von Salt Lake City stand der Coach, mit dem Rücken an die Wand gelehnt, und schätzte die Chancen seiner Schützlinge auf die Qualifikation für die Hauptrunde so ein: "Die Österreicher zu schlagen, wird unglaublich schwierig."

Bestbesetztes Turnier der Geschichte


Zach hätte auch sagen können, dass das nächste Spiel immer das schwerste sei. Österreich, zweiter Vorrundengegner in der Nacht zum Montag, verlor wenige Stunden später zwar seine Auftaktpartie gegen Lettland mit 2:4. Auf seine Prognose hätte das Ergebnis aber keine Auswirkungen gehabt. Zach nennt seine pessimistische Haltung ehrlich.

Tatsächlich muss seine spielerisch beschränkte Mannschaft wohl in jeder Partie ans Limit ihrer körperlichen Kräfte gehen, um gegen die Slowakei, Österreich und Lettland Gruppensieger zu werden. Nur dann würde sich Deutschland für die Hauptrunde qualifizieren, für die die fast ausschließlich mit NHL-Stars bestückten Teams aus Kanada, Tschechien, Russland, USA, Schweden und Finnland gesetzt sind. Experten sprechen vom bestbesetzten Eishockeyturnier der Geschichte.

Seliger ließ Slowaken verzweifeln


Gegen die technisch und läuferisch überlegenen Slowaken, die mehrere NHL-Profis in ihren Reihen hatten, gingen die deutschen Spieler über ihre Grenzen hinaus. Insbesondere Goalie Marc Seliger, der in den Minuten, die das Match entschieden, die Hauptrolle spielte.

Nachdem Russland-Legionär Jan Benda (28.) in Überzahl die Führung durch den Nürnberger Rumrich (21.), der in Unterzahl traf, auf 2:0 ausgebaut hatte, erhielten die Deutschen innerhalb von zwei Minuten drei Zeitstrafen. Vor allem Seligers Paraden stoppten dieses slowakische Dauer-Powerplay und brachen den Widerstand des Favoriten. Am Ende der 60 Minuten hatten die Statistiker 29 vom Nürnberger gehaltene Schüsse notiert.

Goldmedaillenverdächtiger Einsatz


Bei der Wahl zum "Player of the Game" führte deshalb kein Weg an Seliger vorbei, für den sein 44. Länderspiel "mit Sicherheit einer der schönsten Momente in der Nationalmannschaft" war. Der 27-Jährige machte den Mannschaftsgeist als Garant für den 3:0-Sieg aus, den Klaus Kathan (59.) von den Kassel Huskies sicherstellte, als die Slowaken in letzter Verzweiflung den Torwart herausgenommen hatten. "Die Slowaken haben uns wohl unterschätzt. Wir haben als Team agiert, nicht als Einzelspieler und deshalb gewonnen."

Der Kölner Verteidiger Jörg Mayr riskierte für den Sieg sogar seine weitere Olympia-Teilnahme. Der 32-Jährige warf sich in der kritischen Unterzahlphase in einen Schuss des Gegners, wurde dabei vom Puck im Gesicht getroffen und mit Verdacht auf Kieferbruch blutend vom Eis geführt. "Es ist unglaublich schade. Ich weiß nicht, wie wir in den nächsten Partien ohne ihn auskommen. Mayr verkörpert den Geist unserer Mannschaft", sagte Zach, der die Kampfstärke und die Disziplin seiner Schützlinge lobte.

Die Verletzung von Mayr trübte die euphorische Stimmung im deutschen Team. Bei einer vierstündigen Operation im LSB-Hospital von Salt Lake City stabilisierten die Ärzte den Unterkiefer des 32-Jährigen mit einer Metallplatte; außerdem mussten ihm mehrere Zähne ersetzt werden. "Jörg geht es nicht gut. Sein Gesicht ist extrem geschwollen, und er hat starke Schmerzen. Wir hoffen, dass er noch am Sonntag aus dem Krankenhaus entlassen werden kann", sagte Teamchef Franz Reindl, für den Mayrs heldenhafter Einsatz Symbolcharakter hatte: "Kopf voraus in den Schuss. Das kennzeichnet den Charakter der ganzen Mannschaft." Ersatz für den Rheinländer könnte erst zur Finalrunde geholt werden.