Eiskunstlaufen Kalter Krieg auf dem Eis
Salt Lake City - Nach der Kür folgen die bangen Sekunden des Wartens. Auf einer kurzen Bank mit blauen Polstern ganz in der Ecke des riesigen Salt Lake City Ice Centers sitzt jede Eiskunstläuferin wie vor Gericht. Es dauert eine Ewigkeit, ehe die Jury über Gold, Silber oder Bronze, über Sieg oder Niederlage entscheidet. "Kiss-and-Cry-Area" nennen die Amerikaner diese Zone, in der die Mädchen auf das Urteil der Juroren hin Handküsschen verteilen oder in Tränen ausbrechen.
Bei der olympischen Kürentscheidung in Salt Lake City aber wurde in der "Kiss-and-Cry-Area" auch politisch agitiert. Denn am Tag, an dem das Olympische Komitee Russlands mit Abreise von den Winterspielen drohte, weil seine Sportler in den Sportarten Eiskunstlauf, Eishockey und Skilanglauf angeblich benachteiligt würden, kämpften zwei Russinnen und drei US-Amerikanerinnen um die wertvollste Goldmedaille im Damen-Wintersport.
Als Erste der fünf Sieganwärterinnen musste Maria Butirskaja aufs Eis. Als die Weltmeisterin von 1999 ihre mäßige A-Note für die artistische Darbietung auf dem von der Hallendecke hängenden Anzeigenwürfel ablesen musste, boykottierte sie die Abnahme der B-Note. Wie die Preisrichter ihren künstlerischen Ausdruck bewertet hatten, interessierte die 29-jährige Moskauerin nicht mehr. Wutentbrannt verschwand Butirskaja in den Katakomben der Arena. Spurlos.
Ihre Landsfrau Irina Slutskaja zeigte Flagge. Die dreifache Vizeweltmeisterin und Zweite nach dem Kurzprogramm hatte als letzte Teilnehmerin ihre Kür absolviert. Als die 23-Jährige auf den blauen Polstern Platz nahm und ins Visier der Kamera rückte, zog die Moskauerin ihre rote Teamjacke zu und zeigte provokativ auf die russischen Farben über der rechten Brust. Nach Veröffentlichung der A-Note faltete sie die Hände zum Gebet. Doch es half alles nichts.
Denn überraschende Olympiasiegerin wurde die erst 16-jährige Sarah Hughes aus den USA, Vierte nach dem Kurzprogramm. 17.500 Zuschauer feierten die beste Kür des Abends mit stehenden Ovationen. Anschließend regnete es Blumen auf die Eisfläche. "Noch nie in meinem Leben bin ich so Schlittschuh gelaufen", hatte Hughes nach der Kür ihres Lebens Mühe, ihre Leistung richtig einzuordnen, "es war wie ein Schock."
Der geschlagenen Slutskaja, die als Silbermedaillengewinnerin erstmals bei einem großen Wettkampf die drittplatzierte Top-Favoritin Michelle Kwan (USA) hinter sich lassen konnte, trieb die mit 5:4 gegen sie ausgefallene Juryentscheidung Tränen in die Augen.
"Ich sage nichts über Sarah. Sie ist auch sehr gut gelaufen", sagte Slutskaja zunächst zurückhaltend. Doch die viermalige Europameisterin fühlte sich so ungerecht bewertet, dass sie sich nicht allzu lange beherrschen konnte und schnippisch in die Offensive ging: "Ich sage nur, dass ich sehr überrascht und geschockt bin über meine B-Note. Die Preisrichter wählen die Siegerin aus. Offensichtlich bin ich nicht die einzige Russin, die hier gelitten hat."
"Keine objektive Wertung"
Der russische Eiskunstlauf-Verband legte wenig später gegen die Wertung Protest ein und forderte in Anlehnung an die Tage zuvor geübte Praxis im Paarlauf, an Slutskaja eine zweite Goldmedaille zu vergeben. In einer Erklärung hieß es, die "nicht objektive Wertung" verstoße gegen die Regeln der Internationalen Eiskunstlauf-Union.
Bereits auf dem Eis hatte Slutskaja den Kalten Krieg mit anderen Mittel fortgesetzt. Als sich das Salt Lake Ice Center nach der Siegerehrung schon fast geleert hatte, stand für die drei Medaillengewinnerinnen der offizielle Fototermin auf dem Programm.
Hughes wartete wie bestellt und nicht abgeholt, während Slutskaja die enttäuschte Kwan ausgiebig umarmte. Als die Olympiasiegerin sich zwischen den Beiden einreihen wollte, fuhr die Russin zunächst davon und postierte sich danach neben Kwan.