Ende des NFL-Arbeitskampfes: Schulterpolster statt Jacket - DER SPIEGEL
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Arbeitskampf in der NFL: Anzug statt Helm und Schulterpolster

Foto: BRIAN SNYDER/ REUTERS

Ende des NFL-Arbeitskampfes Schulterpolster statt Jacket

Footballfans können aufatmen: Es wird eine NFL-Saison 2011/2012 geben. Die stand wegen eines hässlichen Arbeitskampfes lange Zeit auf der Kippe. Nun haben sich Spieler und Clubs geeinigt. Der Kompromiss zeigt, was die NFL anderen US-Profiligen wie der NBA voraus hat.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Ray Lewis hatte schlimmste Befürchtungen: "Erforschen Sie es", sagte er. "Schauen Sie, wie das Übel, das wir Kriminalität nennen, zunimmt. Für zu viele Personen sind wir Lebensinhalt."

Lewis ist nicht Sprecher der US-amerikanischen Polizeigewerkschaft. Er vertritt auch nicht die Ärzte im Land. Lewis ist Linebacker bei den Baltimore Ravens in der National Football League (NFL). Sein Schreckensszenario für Amerika bestand in der Aussage, die Saison 2001/2012 könnte ausfallen, wodurch Lewis offensichtlich verheerende Auswirkungen für das Land befürchtete.

Lewis und die USA können sich entspannen. Auch 2011/2012 wird Profifootball gespielt.

Am Montag einigten sich die Teambesitzer und die Vertreter der Spielergewerkschaft NFLPA auf einen neuen Tarifvertrag und das Ende der Aussperrung ("Lockout") in der US-Football-Liga. Die 32 Team-Eigentümer hatten der NFLPA einen neuen Kontrakt über zehn Jahre Laufzeit vorgelegt, dem die Spielerseite zustimmte. "Wir wissen, was wir über die vergangenen Monate getan haben, hat unsere Fans frustriert, denn sie wollen Football sehen", sagte NFL-Chef Roger Goodell, als er zusammen mit Gewerkschafts-Boss DeMaurice Smith in Washington vor die Presse trat.

"Wir haben alle auf diesen Moment gewartet. Football ist wieder da, und das ist die gute Nachricht für alle", so Goodell weiter, während Smith hinzufügte: "Wir haben hart daran gearbeitet, einen fairen Vertrag zustande zu bekommen." Hauptstreitpunkt war die prozentuale Verteilung der Gesamteinnahmen von rund 9,3 Milliarden Dollar. Nun können Vorbereitung, Transferzeitraum und Saison fast wie geplant stattfinden und schon in dieser Woche beginnen. Einzig das "Hall of Fame"-Spiel am 7. August zwischen den Chicago Bears und den St. Louis Rams wurde abgesagt. Die restlichen Testpartien können wie vorgesehen ab dem 11. August gespielt werden.

Die Kernpunkte des Kompromisses:

  • Der neue Vertrag läuft über zehn Jahre, und anders als bisher hat keine Seite die Möglichkeit, vorzeitig auszusteigen. Damit dürfte ein ungestörter Spielbetrieb bis 2021 gesichert sein.
  • Das Mindesteinkommen für Spieler steigt jedes Jahr.
  • Die Spieler bekommen 47 Prozent der Einnahmen, die Clubs 53 Prozent. Im alten Vertrag war die Verteilung 50-50 gewesen. Drei Prozentpunkte Unterschied scheinen nicht viel - aber bei mehr als neun Milliarden Dollar Gesamteinnahmen bedeuten sie 270 Millionen Dollar mehr für die Clubbesitzer.
  • Der Finanzrahmen pro Club für den Kader ("salary cap") beträgt bis 2013 etwa 120 Millionen Dollar plus 22 Millionen für Spielerboni. Auch die Gehälter für Neulinge, bisher teilweise astronomische Beträge, müssen in das Gehaltsgefüge passen.
  • Vollkommene Freiheit beim Clubwechsel für Spieler bereits nach vier Spielzeiten anstatt wie bisher nach sechs.
  • Beschränkung der Kontakt-Trainingseinheiten, mehr freie Tage für Spieler, weniger verpflichtende Teamaktivitäten in der Pause.
  • Spieler können lebenslang statt wie bisher maximal fünf Jahre nach Karriereende ihre Krankenversicherung behalten.
  • Bis zu eine Milliarde Dollar für die Altersvorsorge ehemaliger Spieler.

Über manche Dinge besteht immer noch Uneinigkeit, etwa über Dopingtests und den Verhaltenskodex. Spieler und Clubs haben sich darauf geeinigt, sich für diese Fragen mehr Zeit zu nehmen - sie hatten darüber schon gesprochen, bevor der Arbeitskampf begann.

Viereinhalb Monate dauerte dieser Tarifstreit; damit war er der längste in der NFL-Geschichte, viele Wochen lang schienen zumindest Teile der Saison in Gefahr.

Begonnen hatte die Auseinandersetzung schon 2008. Damals entschieden die Clubbesitzer, aus dem alten Tarifvertrag mit der NFLPA auszusteigen. Dieser Schritt schwebte über den vergangenen Spielzeiten wie eine schwarze Wolke. Am 11. März 2011 war es soweit: Der alte Vertrag war abgelaufen, einen neuen gab es nicht.

Die NFLPA um Geschäftsführer DeMaurice Smith wandelte ihre Rechtsform um. Auf einmal war die Spielervertretung keine Gewerkschaft mehr und entzog damit den Verhandlungen die formale Basis; es wird erwartet, dass die NFLPA nun wieder zu ihrer alten Rechtsform zurückkehrt, weil erst dann die restlichen offenen Fragen geklärt werden können.

Poker um das Milliardengeschäft

Direkt nach der Änderung der Rechtsform verklagten einige Superstars die Liga wegen Verstößen gegen das Kartellgesetz; nach der Einigung wurde die Klage zurückgezogen. Nach der Klage verhängten die Clubs einen "Lockout" gegenüber den Spielern, sperrten sie im wörtlichen Sinn aus. Sie durften nicht mehr auf den Clubanlagen trainieren, die Clubs keinen Kontakt zu Spielern haben - kein Telefonat, keine SMS, nichts.

Die Auseinandersetzung verlagerte sich vom Footballfeld in Konferenzräume, Gerichtssäle und Redaktionen. Es spielte sich ein Krimi ab, der dem Super Bowl im Februar zwischen den Green Bay Packers und den Pittsburgh Steelers in nichts nachstand. Die Protagonisten: Clubbesitzer, Liga und Spieler, Aktive wie Ehemalige. Je nach Diskussionspunkt - Gewinnverteilung, Einkommensgrenzen für Rookies, Altersvorsorge für Spieler, Freiheiten eines Spielers bei Vertragsverhandlungen - verschoben sich die Allianzen.

Viel Geld, vermischt mit schwierigen sportrechtlichen Fragen: Zusammengenommen ergab dies ein nahezu undurchdringliches Dickicht aus juristischen Wendungen, immer neuen Verhandlungspapieren, verworfenen Kompromissvorschlägen und einer starken öffentlichen Debatte.

Am Ende war wohl das Bedürfnis aller, die äußerst lukrative Saison nicht zu gefährden, der Grund dafür, dass ein Deal zustande kam. So unterschiedlich die Positionen waren - bei Spielabsagen oder gar einer komplett ausgefallenen Saison hätte es nur Verlierer gegeben.

Lösung kein Vorbild für den Arbeitskampf in der NBA

Ein Gutes hatte der Arbeitskampf aus NFL-Sicht ohnehin: Er verhalf dem Sport zu großer Publizität - sogar in den Sommermonaten, in denen Football normalerweise um Schlagzeilen kämpfen muss. Damit hat die NFL die Chance, Football als beliebteste US-Sportart weiter von Basketball, Baseball und Eishockey abzusetzen.

Denn während das Gewinnstreben in der NFL immerhin bei allen Verhandlungspartnern für ein Mindestmaß an Disziplin sorgte, droht der Arbeitskampf in der Basketballliga NBA zu eskalieren. Die NFL-Lösung kann hier wohl kaum als Vorbild dienen. Beim Basketball sind Teambesitzer und Spielergewerkschaft NBAPA deutlich weiter voneinander entfernt als es ihre NFL-Pendants waren. Die Basketball-Profis haben sich in früheren Tarifverhandlungen eine starke Position erarbeitet. Etliche Clubeigner würden deshalb den Ausfall einiger Spiele oder der gesamten Saison in Kauf nehmen, weil sie zuletzt große Verluste machten.

Keine Seite will Zugeständnisse machen - im Juli hat es keine Verhandlungen zwischen Liga und Gewerkschaft gegeben, erst im August wollen sie wieder miteinander sprechen. Einige Spieleragenten wollen deshalb dem Vorbild der Footballer folgen und die Gewerkschaft auflösen, um die NBA zu verklagen: Kampf statt Diplomatie.

Einzige Hoffnung derzeit: Auch beim Football kam die Einigung erst zustande, als die Saisonvorbereitung kurz bevorstand. Die NBA-Saison soll am 1. November beginnen. Bis dahin bleibt zumindest noch ein wenig Zeit.

Mitarbeit: Maximilian Rau

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