Enttäuschende Hamburg Freezers: Alles muss raus - DER SPIEGEL
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Enttäuschende Hamburg Freezers Alles muss raus

Zum ersten Mal werden die Hamburg Freezers wohl die Playoffs verpassen. Doch nicht nur sportlich läuft es mies für den DEL-Club. Zu den Heimspielen kommen immer weniger Zuschauer, und in der Stadt ist er kaum bekannt. Der neue Geschäftsführer muss so gut wie alles verändern.
Von Marco Plein
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?
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Hamburg Freezers: Kaum Punkte, kaum Zuschauer, kaum Stimmung

Foto: Stuart Franklin/ Bongarts/Getty Images

Martin Walter kommt noch immer mit dem Auto zum Training, auch wenn er dabei manchmal mit dem Kopf schütteln muss. "Früher", das weiß der Eishockey-Profi der Hamburg Freezers noch ganz genau, "habe ich öfter mal einen Aufkleber von uns auf Heckscheiben gesehen. Aber das ist schon lange her." Früher, da lief es für seinen Club deutlich besser, da waren die Freezers noch eine echte Nummer in der Stadt, viele Zuschauer, gute Stimmung, "das hat Spaß gemacht damals", sagt Walter SPIEGEL ONLINE.

Und da früher gerade mal vier, fünf Jahre her ist, hätten sie in Hamburg wohl nichts dagegen, einfach mal an der Zeit zu drehen. Nach vorne oder zurück, ganz egal, Hauptsache, es tut sich etwas.

"So kann es nicht weitergehen. Die Freezers sind kein Bestandteil der Stadt. Wer an Hamburg denkt, denkt an die Alster, an den Michel oder den HSV, aber an die Freezers denkt kein Mensch", sagt Michael Pfad SPIEGEL ONLINE. Er ist einer, der es wissen muss, denn der 46-Jährige, ehemals Geschäftsführer bei Premiere und der Deutschen Fußball-Liga, lebt schon immer in Hamburg. Und dort hat er vor zwei Monaten eine ziemlich schwierige Aufgabe übernommen: Als neuer Geschäftsführer des Eishockey-Clubs will er so gut wie alles verändern, was es zu verändern gibt. Von allen möglichen Partneragenturen hat er sich getrennt, die meisten Spieler müssen nach Saisonende gehen, auch mit dem Trainer geht es nicht mehr weiter. "Es gibt so viel zu tun, am Anfang wusste ich gar nicht, wo ich anfangen sollte", sagt Pfad.

Es ist Donnerstagmittag, Ende Januar. Die Freezers sind in ihrer modernen Trainingshalle auf dem Eis, Pfad nimmt sich ein paar Minuten Zeit, "um die Stimmung zu fühlen", wie er sagt. Gerade mal vier Fans sind da, drei Frauen, ein jüngerer Mann, "in dieser Saison dürft ihr nicht mehr viel erwarten", sagt ihnen Pfad. Dann muss er weiter. "Mit dem Trainer sprechen." Der Kanadier Paul Gardner hatte sich einen Tag zuvor in einem Interview darüber beklagt, vom Ende seiner Zeit als Freezers-Trainer aus der Zeitung erfahren zu haben. Für Pfad gibt es viel zu tun.

Saison kann nicht mehr gerettet werden

Für die Hamburger wird rund acht Jahre nach ihrem Umzug aus München zum ersten Mal nach der regulären Saison Schluss sein, vielleicht schaffen sie noch ein kleines Wunder und rutschen gerade so in die Pre-Playoffs. Letztlich ist das aber egal. Da sie mit fast sieben Millionen Euro einen der höchsten Etats der Liga haben, zuletzt aber für einige Wochen Tabellenletzter waren, sagt Kapitän Alexander Barta SPIEGEL ONLINE: "Wir können die Saison nicht mehr retten. Es muss ein Schnitt gemacht werden. Wir haben Sponsoren verärgert, wir haben Zuschauer verärgert, und wir haben die Halle leer gespielt. Das müssen wir alles wiedergutmachen." Barta darf das, er ist einer der wenigen, die auch weiterhin in Hamburg spielen.

Spätestens Anfang Mai, wenn der derzeit bei den Kassel Huskies beschäftigte Stephane Richer Sportdirektor und wohl auch Trainer in Hamburg wird, soll eine komplett neue Struktur her. "Wir setzen dann auf Spieler, die ihren Leistungshöhepunkt noch vor sich haben", sagt Pfad, den Richers Vernetzung "von der deutschen Oberliga bis in die US-Profiliga NHL" beeindruckt. "Bis er hier ist, müssen wir improvisieren", verdeutlicht der Geschäftsführer, dem es eine Bestätigung war, als ihm neulich ein Fan aufzählte, dass schon 147 verschiedene Spieler für die Freezers gespielt haben. Mit dieser Fluktuation soll Schluss sein, "wir wollen Langfristigkeit, anders können sich die Zuschauer ja auch gar nicht mit der Mannschaft identifizieren", sagt Pfad. Und Verteidiger Walter fügt hinzu: "Bei uns kommen viele Fans mit Trikots von Spielern in die Halle, die schon seit Jahren nicht mehr hier spielen."

Freikarten sind nicht mehr gewollt

Mehr als 12.000 Zuschauer kamen in der Saison 2003/2004 zu den Heimspielen, das war zwei Jahre nach dem Umzug, "es gab hier mal einen Boom", erinnert sich Walter, er war damals schon dabei. Als die Mannschaft 2004 im Halbfinale spielte, schliefen Fans vor den Ticket-Schaltern, um an Karten zu kommen. "Jetzt hofft man, dass bei Heimspielen der Oberrang nicht abgehängt ist." Wenn er mal Freikarten habe, erzählt der 26-Jährige, interessiere sich aus dem Freundeskreis kaum noch jemand dafür, "das ist bitter."

Heute kommen weniger als 8000 Zuschauer im Schnitt, Anfang Februar gegen Ingolstadt sind es an einem Dienstag nur 4937. Drei Tage später gegen Frankfurt knapp 7000, in einer Drittelpause sagt der erst kurz zuvor verpflichtete Kanadier Adam Henrich, er finde es "aufregend, vor diesem Publikum zu spielen". Er konnte es noch nicht besser wissen, es war erst sein zweites Heimspiel.

Gegenläufig ist die Entwicklung bei den ebenfalls in der Color Line Arena beheimateten Handballern des HSV Hamburg - deren Spiele sahen vor fünf Jahren fast 5500 Menschen weniger als die der Freezers, heute freuen sie sich über einen Schnitt im fünfstelligen Bereich (siehe Tabelle links). "In einem kompetitiven Umfeld, wie wir es in Hamburg haben, muss man einfach Erfolg haben. Sonst kann man nicht bestehen", sagt Pfad, "wir brauchen dafür aber Zeit."

In drei oder vier Jahren will er den Club so weit haben, dass er "die Stadt wieder lebt", Zuschauerzahlen im fünfstelligen Bereich vermeldet, und sich dann vielleicht auch wieder mit dem Team vergleichen kann, das ebenfalls der Anschutz-Entertainment-Gruppe gehört und das die Liga nach Belieben dominiert: den Eisbären Berlin. Die waren viermal in den vergangenen fünf Jahren Deutscher Meister und sind aktuell auf dem Weg zu ihrem nächsten Titel. "Man kann sich von dort sehr viel abgucken", betont Pfad, "aber wir wollen hier kein zweites Berlin schaffen. Die Voraussetzungen in Hamburg sind so gut, super Stadt, ideale Trainingsmöglichkeiten, da werden wir auch mit unserem Weg Erfolg haben."

Zeit dazu hat Pfad genug. Denn die Anschutz-Gruppe, die sowohl Eigentümer der Freezers als auch der Color Line Arena ist, hat trotz der Misere ein "langfristiges Commitment" für den Standort Hamburg gegeben. "Da mache ich mir keine Sorgen." Immerhin.

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