Fotostrecke: Abgezapft und abgetaucht
Erfurter Dopingaffäre Das dumme Tröpfchen
Um den ganz großen Dopingskandal handelt es sich bei der Affäre um den Erfurter Sportmediziner Andreas Franke wahrscheinlich nicht. Führende Dopingexperten bezweifeln, dass bei den geringen Mengen Bluts, die Franke den Sportlern in seiner Praxis abgezapft und mit UV-Licht bestrahlt hat, tatsächlich ein leistungssteigernder Effekt eintritt. Bestraft werden müssten die betroffenen 30 Athleten dennoch. Allein schon wegen ihrer Dummheit.
Experimente mit Eigenblut, wie Franke sie betrieben hat, sind seit Jahren verboten: Das ist kein Geheimnis, sondern Allgemeingut im Spitzensport. Auch wenn die Athleten sich im Gestrüpp der Dopingbestimmungen nicht im Detail auskennen, was man nachvollziehen könnte: Sich das eigene Blut abzapfen und es mit UV-Licht bestrahlen zu lassen, um es sich dann anschließend wieder zu injizieren - bei solchen Praktiken muss bei jedem Sportler die Alarmglocke schrillen. Vorsicht: akuter Dopingverdacht. Für die Sport-Prominenz wie Eisschnelllaufstar Claudia Pechstein und Leichtathletik-Olympiasieger Nils Schumann gilt dies umso mehr.
Sich anschließend wie Schumann als unschuldig zu gerieren und festzustellen, er habe "niemals fragwürdige Behandlungsmethoden genossen", wirkt wenig glaubwürdig. Schumann war ein Star in einer Sportart, in der zu seiner Glanzzeit reihenweise Leichtathleten des Dopings überführt wurden. Das hätte einen Spitzensportler schon übersensibel machen müssen. Sich dann vermeintlich arglos einer Eigenblut-Behandlung zu unterziehen, ist bestenfalls naiv.
Doch nur "medizinischer Okkultismus"?
Eine schlüssige Erklärung, warum man sich überhaupt von Franke das Blut abnehmen ließ, wenn es nicht um Leistungssteigerung ging, hat bis heute ohnehin noch keiner der Betroffenen abgeben können.
Daher spielt es in der Beurteilung der Affäre auch keine große Rolle, ob Frankes Methoden tatsächlich leistungssteigernd wirken können oder ob es sich vielmehr um "medizinischen Okkultismus" handelt, wie es der Dopingexperte Detlef Thieme bezeichnet hat.
Wenn sich unter den Franke-Kunden auch Pechstein befunden hat, was als gesichert gilt, dann hat dies beinahe eine tragikomische Note. Die 39-Jährige hat seit ihrer umstrittenen Blutdopingsperre 2009 einen nimmermüden Kampf gegen ihre Bestrafung und für ihr Image als saubere Sportlerin geführt. Sie hat Gutachten nach Gutachten organisiert, sie hat auf gerichtlichem Wege fast alles versucht, die Sperre rückgängig zu machen. Sie hat den Gang vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte angekündigt, sie droht dem Eisschnelllauf-Weltverband ISU mit Schadensersatzklagen in Millionenhöhe.
Pechsteins Bemühungen wären mit einem Mal diskreditiert
All das in Verbindung mit ihrem erfolgreichen Comeback nach Ablauf der Sperre hat dazu geführt, dass Pechstein mittlerweile in weiten Teilen der Öffentlichkeit als Opfer einer hysterischen Dopingmentalität im Leistungssport gesehen wird. Auch verbandsintern gibt es längst Zweifel, ob es richtig war, Pechstein aufgrund eines nur indirekten Dopingbeweises für zwei Jahre zu sperren. Wenn sie jetzt im Gefolge der Erfurter Dopingermittlungen bestraft würde, wären auch ihre jahrelangen Bemühungen um Rehabilitation mit einem Schlag dahin.
Die Nationale Anti-Doping-Agentur Nada hat am Montag endlich angekündigt, sie werde sämtliche Athleten aus Frankes Kundenkartei überprüfen. Dazu hatte sie allerdings schon ein gutes Jahr lang Zeit - so lange weiß die Nada um die Vorwürfe gegen den Erfurter Arzt. Der Verdacht, dass die Bonner Agentur jetzt lediglich umfassend aktiv wird, weil die ARD-"Sportschau" zuvor die Praktiken Frankes inklusive seiner Kundenliste an die Öffentlichkeit gebracht hat, drängt sich jedenfalls auf.
Ebenso wie der Argwohn, die Nada habe auch deswegen zur Zurückhaltung geneigt, weil man sich gegenüber Pechstein in keinem Fall einen Fehlschlag erlauben wolle - nach der komplizierten Vorgeschichte um die Sperre der Athletin. Ein Misserfolg bei den Ermittlungen mit dann möglicherweise erheblichen Schadensersatzforderungen will man bei der Agentur, deren finanzielle Situation ohnehin angespannt ist, offenbar keinesfalls riskieren.
In zwei der 30 anhängenden Erfurter Fälle ist die Anti-Doping-Agentur bisher tätig geworden - wobei sich eine der beiden Athleten, die Eisschnellläuferin Judith Hesse, auch noch selbst bei der Agentur angezeigt hat. Das ist die Bilanz eines ganzen Jahres. Nada heißt auf spanisch nichts.