Erste Bergetappe Topfavoriten am Scheideweg
Es ist soweit. Am Sonntag steht die erste schwere Bergetappe auf dem Programm (ab 11.20 Uhr Liveticker, SPIEGEL ONLINE). Jetzt müssen sich die Favoriten auf den Toursieg beweisen. In diesem Jahr zähle ich acht Fahrer, die wohl den Triumph in Paris unter sich ausfahren werden: Fränck und Andy Schleck, Carlos Sastre (alle CSC), Dennis Mentschow (Rabobank), Riccardo Riccò (Saunier Duval), Alejandro Valverde (Caisse d'Epargne), Cadel Evans (Silence-Lotto) und Kim Kirchen (Team Columbia).
Favoriten Evans, Riccò und Valverde (v.l.): Wie gut bin ich drauf?
Foto: APÜberraschungen wird es meiner Meinung nach nicht (mehr) geben. Einzige Ausnahme: Wenn aufgrund taktischer Spielereien im Feld eine Ausreißergruppe gleich mehrere Minuten Vorsprung ins Ziel retten kann. 2006 hatte beispielsweise Oscar Pereiro auf der 16. Etappe fast eine halbe Stunde Vorsprung vor dem Feld. Seit der Disqualifikation von Floyd Landis in diesem Jahr ist er nun Toursieger 2006.
Die erste große Bergetappe ist für die Favoriten wie eine Abiturprüfung. Du weißt vorher nicht, ob du im Jahr zuvor alles richtig gemacht hast. Du fragst dich: Wie werde ich wohl drauf sein? Denn das ist besonders beim ersten schweren Tagesabschnitt sehr wichtig. Das Ergebnis der ersten Etappe lässt sich nicht nur in Sekunden und Minuten messen, es ist vielmehr auch eine Sache der Moral. Hast du am ersten Bergtag gute Beine, glaubst du, dass du sie auch in der Folge haben wirst. Wenn nicht, bist du schon ein wenig ernüchtert, und wirst dir deiner Form nicht mehr sicher sein. Die ersten Bergetappen sind somit eine Art Scheideweg. Auch innerhalb des Teams ist das dortige Abschneiden ein wichtiger Hinweis und kann Stimmungen positiv und negativ beeinflussen.
Die Favoriten werden jetzt noch nicht genau wissen, ob sie in diesem Jahr gute oder ob sie nicht so gute Beine haben. Denn der Unterschied zwischen Flachetappen und Bergabschnitten ist zu groß. Ein Fahrer, der in diesem Jahr besonders leicht ist, kommt auf der Fläche mit dem Wind beispielsweise gar nicht zurecht. Er denkt: Oh mein Gott, das passt ja gar nicht. Doch in den Bergen profitiert er dann von dem fehlenden Gewicht und fliegt plötzlich allen davon.
Bislang hatten wir in der Bretagne 15 Grad Celsius und viel Wind, ab Sonntag in den Pyrenäen können es 40 Grad werden. Das sind auch Kleinigkeiten, die alle zusammen die Fahrer vor eine große Herausforderung stellen. Die Favoriten wissen also noch gar nicht wirklich, was sie erwartet und was sie leisten können. Sie werden nicht ängstlich, aber schon aufgeregt sein.
Klar ist, dass Profis wie Valverde und Riccò offensiver fahren werden als andere. Der 24-jährige Riccò, beim Giro in diesem Jahr Zweiter, kann durch seine Angriffe Etappen entscheiden - allerdings steht er seit Samstag ebenfalls unter Dopingverdacht. Evans hingegen ist einer, der eher abwartet. Im Großen und Ganzen sind es die Südländer, die versuchen werden, offensiver zu fahren.
Ich denke, dass CSC, das in Andy und Fränck Schleck sowie Sastre mehrere Fahrer für die Gesamtwertung hat, die Möglichkeiten nutzen wird, taktisch variieren zu können. Sie werden einen der Drei in Ausreißergruppen schicken und damit die anderen Teams zwingen, zu arbeiten. Ansonsten werden sich die Favoriten auf ein Ausscheidungsfahren am letzten Berg konzentrieren. Mit Sicherheit wird Topfavorit Evans, da er der insgesamt wohl stärkste Fahrer ist, eher reagieren und erst einmal die anderen machen lässt. Natürlich ist wichtig für die Favoriten, bis ganz zum Schluss einen Helfer bei sich zu haben. Auch da hat CSC einen Vorteil gegenüber den anderen Teams.
Deutsche Fahrer sehe ich nicht mehr, die noch eine Rolle im Gesamtklassement spielen könnten. Das gilt auch für Christian Knees (Milram) und Markus Fothen (Gerolsteiner). Fothen will vor der Tour immer unter die ersten zehn, aber vielleicht nimmt er sich da zu viel vor und sollte seine Erwartungen lieber etwas zurückschrauben.