Etappenhase: Bauchweh vor den Bergen - DER SPIEGEL
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Etappenhase Bauchweh vor den Bergen

Die Flachetappen sind vorbei, nun türmen sich die Bergriesen vor den Fahrern der Tour de France auf. Die Sprinter verfluchen die kommenden Aufgaben, die großen Favoriten lauern. Doch auch sie wissen erst beim ersten langen Anstieg, wie ihre Form wirklich ist.
Von Marcel Wüst
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Eines haben alle Profis heute gemeinsam: großen Respekt vor der ersten Bergetappe. Die Sprinter, weil sie wissen, dass sie zwar genauso leiden müssen wie die Bergfahrer – nur länger und ohne Erfolgsaussicht. Die Kletterer, weil sie heute zum ersten Mal mit den wirklich anspruchsvollen Anstiegen konfrontiert werden.

Nach zehn Tagen im Hochgeschwindigkeitstempo ist die Umstellung enorm. Fast täglich mit hohen Übersetzungen durch die flache bis wellige Hügellandschaft Nordfrankreichs zu rollen, ist eben etwas anderes, als sich eine ganze Stunde am Leistungslimit einen zehnprozentigen Pass hinauf zu quälen. Die muskuläre Belastung ist bei den langen Anstiegen trotz der gleichen Bewegungsabläufe eine ganz andere. Beim klettern kann man nicht mal eben rollen lassen, den Rücken durchstrecken oder die Beine stretchen. Hier ist konsequent Druck auf dem Pedal gefragt. Die Abfahrten können die Fahrer zwar zur Erholung nutzen, aber dabei müssen sie besonders achtsam sein.

Dennoch überwiegt bei den Bergfahrern die Freude. Endlich haben sie eine Chance, ins Renngeschehen einzugreifen. Schluss mit den Massenankünften. Sicherlich werden vor der heutigen Etappe bei den Meetings der Mannschaften die taktischen Marschrouten besprochen, aber erst wenn die Profis im ersten langen Anstieg sind, werden sie auch erfahren, ob sie in der Lage sind, die Anweisungen umzusetzen. Die Sprinter jedenfalls wissen, dass jetzt eine schwierige Zeit kommt.

Zum einen haben die schnellen Männer einen dicken Hals auf die Bergfahrer, die teilweise noch miteinander quatschen, wenn die Sprinter selber schon am Limit fahren. Doch auf der anderen Seite gibt es auch große Bewunderung für die bergliebenden Berufskollegen.

Da man als Sprinter nicht mehr dabei ist, wenn die Topstars in den Bergen Gas geben, musste auch ich lange warten, bis ich die Kollegen einmal live bewundern konnte. Während der Tour 1997, für die mein Team mich nicht nominiert hatte, war ich auf dem Weg nach Alpe d'Huez Zuschauer am Straßenrand. Als die ersten Fahrer hinaufgestürmt kamen, war ich hin und weg von der Geschwindigkeit, mit der die Kletterspezialisten an mir vorbei rasten – ein Erlebnis, das ich wohl nie vergessen werde.

Ganz besonders ist auch die Stimmung der Fahrer, wenn es auf den ersten großen Berg der Tour, den Col du Soudet, zugeht. Es herrscht hektische Betriebsamkeit. Die Wasserträger holen noch einmal volle Trinkflaschen oder was immer sonst ihren Kapitänen noch fehlt.

Zwei Varianten des Rennverlaufs sind möglich: Die eine ist, dass Ausreißer mit einigen Minuten Vorsprung in den ersten Berg hinein fahren und versuchen, sich irgendwie hinüber zu retten. Die andere Möglichkeit ist, dass alle ganz langsam losrollen. Besonders die Sprinter hoffen dann, irgendwie über den Berg gezogen zu werden. Aber meistens kommt es anders.

Eines ist beim Verlauf der heutigen Etappe allerdings sicher: Es wird neben einem Etappensieger auch sehr viele persönliche Erkenntnisse geben. Sprinter die sich sagen werden: "Die morgige Hammeretappe schaff ich nie" und Favoriten, die mit Bauchweh ins Bett gehen, weil sie genau wissen, dass die Form nicht genau so ist, wie sie hätte sein sollen.

Und dann auch die, die im wahrsten Sinne des Wortes "einfach" mitrollen, und sich ob ihrer grandiosen Leichtigkeit bei der heutigen Etappe schon ausmalen, wie sie die Konkurrenz bei der Königsetappe morgen in Grund und Boden fahren werden.

Bis bald, Ihr Marcel Wüst

P.S.: Am zweiten Ruhetag (17. Juli) werde ich wieder Leserfragen beantworten. Bitte mailen Sie an folgende Adresse: Etappenhase2006@aol.com.