Etappenhase Das Leiden der Leiter
Immer wieder begegne ich Leuten, die die Struktur eines Profi-Radteams mit einer Fußballmannschaft vergleichen. Dabei gibt es erhebliche Unterschiede. Der größte: Die Fußballer haben einen Trainer, der für die Form der einzelnen Spieler verantwortlich ist in Radteams gibt es so einen Fachmannn meist nicht. Hier steht der Manager der Mannschaft an der Spitze, der in der Regel auch der Besitzer des Rennstalls ist. Und dieser Mann regelt alles, was mit Geld zu tun hat: Dazu gehören in erster Linie die Sponsorenverhandlungen und die Auswahl der Fahrer sowie deren Ausstattung mit Profiverträgen.
Fahrerfeld, Betreuer-Korso: Multi-Tasking-Fähigkeit gefragt
Foto: APDer Sportliche Leiter, in dessen Funktion ich von 1999 bis 2003 bei Gerolsteiner gearbeitet habe, ist der Kopf des Teams, was die tägliche Arbeit angeht. Er erstellt beispielsweise mit den Fahrern eine individuelle sowie teamorientierte Saisonplanung. Mit Rennen, die eher dem Formaufbau gelten und den Rundfahrten, die für die Mannschaft Priorität haben. Der Leiter legt auch die Taktik fest und sollte deshalb über große Erfahrung verfügen. Gerade bei dieser Tour, da die Voraussetzungen für das Rennens aufgrund des Dopingskandals völlig neu ist. Heute Abend, nach dem wegweisenden 52 Kilometer langen Einzelzeitfahren von St. Grégiore nach Rennes, wird zum Beispiel schon grob festgelegt, wie ab Mittwoch in den Pyrenäen gefahren werden muss.
Wie die Fahrer nicht nur für die Tour in Form kommen, liegt in deren eigener Verantwortung. Denn der Sportliche Leiter ist kein Trainer. Meist handelt es sich bei diesen Leuten um ehemalige Fahrer, die viel von Renntaktik verstehen, aber wenig von Trainingsmethodik. Deswegen haben alle Fahrer ihre persönlichen Trainer und Berater, denen sie meist über Jahre vertrauen, egal, in welchem Team sie fahren.
Als ich aktiv war, trainierte kaum ein Profi nach den Plänen eines Fachmanns die meisten bereiteten sich nach eigenem Gutdünken auf die Saison vor. Das bedeutete, dass viel mehr Rennen gefahren wurden als heute.
Ich kam in der Saison locker auf 100 Wettkämpfe, oft waren es noch mehr. So kam man damals in Form, denn es galt der alte Grundsatz, dass Trainingskilometer niemals Rennkilometer ersetzen können. Im Prinzip ist das heute auch noch so, aber ohne Trainingssteuerung mit Laktatmessung und biomechanischen Erkenntnissen gewinnt mittlerweile niemand mehr einen Blumentopf. Die Fahrer brauchen Fachleute bei der Betreuung.
Und schon sind wir beim Hauptproblem: Denn nicht jeder Fahrer stimmt sich mit einem klassischen Trainer ab sondern lässt sich gleich von einem Arzt beraten, weil ja die medizinischen Werte ohnehin eine gewichtige Rolle spielen. Allerdings verzichten manche Ärzte komplett auf Trainingstipps und rücken die reine Medizin in den Vordergrund.
Der Spanier Eufemiano Fuentes, ein ehemaliger Frauenarzt, ist der Mann, der im Moment die Schlagzeilen bestimmt. Seine Eigenbluttherapie soll ja auch Jan Ullrich schneller gemacht haben, lautet einer der Vorwürfe. Mit Sicherheit lässt sich sagen, dass Fuentes mit Trainingslehre wenig am Hut hat. Seine Beratung bestand wohl zu 30 Prozent aus Trainingstipps, 60 Prozent aber waren medizinische Begleitung. Und weil das alles nicht immer einfach ist, gab es noch 10 Prozent psychologische Beratung dazu.
Für einen Sportlichen Leiter ist es schwer zu kontrollieren, ob ein Fahrer sauber Rennen fährt. Auf Dopingtests kann man sich nicht verlassen, denn wie wertvoll diese Überprüfungen sind, erkennt man ja bei dieser Tour.
Allerdings entwickelt ein guter Leiter mit den Jahren ein Gespür für seine Leute und merkt, wenn Doping im Spiel sein könnte. Sicher sagen kann es aber keiner. Es ist auch nicht üblich, die Hotelzimmer der Fahrer zu inspizieren um zu kontrollieren, ob diese irgendwelche Medikamente einnehmen. Letztlich muss das Verbot von Dopingmitteln in den Fahrerverträgen verankert sein wird dagegen verstoßen, werden die Sünder suspendiert.
Eine Tour de France wie diese, die bisher fast nur von den Dopingschlagzeilen beherrscht wird, ist Stress für Sportliche Leiter und Teamverantwortliche. Normalerweise sieht das Tagesprogramm so aus: 8 Uhr Aufstehen, bis 11 Uhr sämtliche organisatorischen und renntaktischen Dinge geregelt haben. Dann beginnt die Etappe, dort ist Multitasking-Fähigkeit gefragt: Das Auto steuern, die eigenen Fahrer und die Konkurrenz im Blick haben, die Taktik verfolgen, die Mechaniker bei Bedarf anweisen und auf den Verkehr und die Zuschauer achten. Eine Tour ist vor allem ein Autorennen, heißt es wie wahr. Pro Tag werden mindestens 300 Kilometer zurückgelegt, je nachdem, wie weit man es im Ziel noch bis zum Hotel hat. Das kann auch mal sehr weit außerhalb liegen zusätzliche 150 Kilometer Fahrtstrecke sind hier keine Seltenheit.
In diesem Jahr wird der ohnehin große Medienstress für die Teams durch den Dopingskandal noch verstärkt. Als Sportlicher Leiter muss jeder höllisch aufpassen, dass er nur Unmissverständliches von sich gibt, denn eine reißerische Schlagzeile ist schnell geschrieben.