Etappenhase: Die spannendste Tour seit langem - DER SPIEGEL
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Etappenhase Die spannendste Tour seit langem

Die 93. Tour de France war an Spannung kaum zu überbieten. Die Leistungen der Fahrer waren trotz - oder gerade wegen? - der Dopingaffäre erstklassig. Nur ein deutscher Jungprofi reist enttäuscht nach Hause. Dabei ist er eine großartige Tour gefahren.
Von Hans-Michael Holczer
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hinter uns liegt die spannendste Tour der vergangenen Jahre, drei Wochen voll packender Etappen. Wir sportlichen Leiter haben das auf besondere Art und Weise zu spüren bekommen. Selten war unsere Arbeit derart gefragt wie bei der 93. Frankreich-Rundfahrt. Ständig musste man wachsam sein, auf Ausreißer reagieren, denn bald jeden dritten Tag gab es ja einen neuen Spitzenreiter, der mit unterschiedlichen taktischen Vorgaben unterwegs war.

Immer wieder habe ich von der "dummen Gruppe" gesprochen, die irgendwann einmal wegläuft und mit überraschendem Vorsprung ankommt. Als Oscar Pereiro dann auf der 13. Etappe mit fast einer halben Stunde vor einem lustlos trödelnden Feld das Ziel erreichte, war die "dumme Gruppe" gelaufen. Ein bereits aussichtslos zurückliegender Fahrer schlüpfte ins Gelbe Trikot und wird am Ende Zweiter der Tour de France.

So ein Rennverlauf ist ungewöhnlich im Radrennsport, und das habe ich gespürt. Ich bin nach fast jeder Etappe aus dem Auto gestiegen und war mental erschöpft. Diese ständige Konzentration und die Aufmerksamkeit haben mich ausgelaugt.

Atmosphärisch war diese Rundfahrt nicht viel anders als sonst. Es standen wieder Millionen Zuschauer am Straßenrand, auch die Menge der auf den Asphalt gemalten Spritzen (als Dopingsymbole) und Liebesbezeugungen für manche Fahrer hielt sich die Waage.

Neu war allerdings, dass besonders in den deutschen Medien dem Thema Doping extrem viel Raum gegeben wurde. Davon war in der französischen Berichterstattung nichts zu merken. Aber das überrascht nicht, denn von den Skandal um Blutkonserven des spanischen Mediziners Eufemiano Fuentes waren ja keine prominenten französischen Profis betroffen.

Für uns hat die Tour zu einem eher traurigen Ende geführt. Denn dass Markus Fothen am Samstag beim Einzelzeitfahren über 57 Kilometer es als 13. nicht geschafft hat, sich das Weiße Trikot des besten Jungprofis von Damiano Cunego zurück zu holen, ist ein bisschen enttäuschend. Aber dass der Italiener derart stark fahren kann (Fünfter), war so nicht zu erwarten. Man darf aber auch nicht vergessen, dass Cunego aus dem Lampre-Team kein Glücksritter ist – der Mann hat 2004 den Giro d'Italia gewonnen.

Trotzdem ist Markus Fothen eine großartige Tour gefahren. Gesamtplatz 15, der es wohl am Ende werden wird, ist hervorragend. Und ich kann jetzt mit aller Deutlichkeit sagen: Markus ist unser Mann für die Zukunft.

Über die Zukunft des Radsports haben sich die Sportlichen Leiter bei dieser Tour am Freitagabend verständigt. In einer gemeinsamen Erklärung haben wir nochmals die Anerkennung des Ethikcodes von 2005 bestätigt, in dem alle Teams sich zur Ächtung von Doping bekennen. Dieses ist ein wichtiges Zeichen, und ich hoffe, dass der Appell an alle Fahrer ausreichend ist, um sauberen Radsport betreiben zu können.

Der heutigen Schlussetappe über 154,5 Kilometer von Sceaux-Antony nach Paris sehe ich natürlich gelassen entgegen. Wenngleich das übliche Schaulaufen auf den letzten Kilometern nicht nur gemütlich wird, denn gerade das Finale auf den Champs Elyseés in Paris ist immer packend – dieser Sieg ist heiß begehrt. Für Gerolsteiner ist danach der Stress nicht vorbei, denn am Abend gibt es mit allen Fahrern und Teammitgliedern, den Frauen sowie vielen Sponsoren ein Fest. Es wird für mich stressig sein, alle unter einen Hut zu bekommen. Und am Montag ist dann für die Mannschaft ein großer Empfang in Gerolstein, dem Sitz unseres Hauptsponsors, vorgesehen. Ganz besonders freue ich mich dann auf Dienstag: Dann kann ich erstmals nach drei Wochen ausschlafen.