Etappenhase Hoffen auf sauberen Sport
Suspendierter Radprofi Ullrich: Überraschend frühes Aus
Foto: DPADie Tour de France 2006 beginnt heute, allerdings nicht so, wie wir uns das vorgestellt haben. Anstatt unseren (ehemaligen?) Radsporthelden Jan Ullrich gegen seine Konkurrenten Ivan Basso und Co. um das Gelbe Trikot kämpfen zu sehen, erreicht uns die Nachricht von seiner Suspendierung durch das T-Mobile-Team. Dass viele seiner Gegner auch betroffen sind, mag uns kaum trösten.
Die Führung von TMobile, die auch Ullrichs Betreuer Rudy Pevenage und den spanischen Fahrer Oscar Sevilla aus dem Rennen nahm, sowie allen anderen betroffenen Teams haben den für alle Pro-Tour-Mannschaften geltenden Ethik-Code angewandt. So musste man die Rennfahrer, gegen die ein erhärteter Dopingverdacht besteht, ausschließen.
Das hat nicht nur für die Fans der einzelnen Stars Konsequenzen, auch in den Teams verschieben sich die Prioritäten. Beim ganz auf Ullrich fokussierten TMobile-Team wird man nun zu siebt starten, denn es gibt keine Nachnominierungen. Ein neuer Kapitän wird sich, wenn überhaupt, erst im Laufe der Tour herauskristallisieren.
Bei den in der Tour verbliebenen Fahrern rief die Suspendierung der verdächtigten Radprofis unterschiedliche Reaktionen hervor. Vom schüchternen Eingeständnis, dass es "in Ordnung" gehe, bis hin zu grenzenloser Zustimmung. "Das gibt denen, die aus dem Skandal 1998 gelernt haben, wieder eine Chance sich auf gleichem Niveau zu bewegen", sagte einer der Fahrer.
Ob es mit der Suspendierung der hochverdächtigen Athleten aber getan ist? Es gibt noch immer Fahrer, die sich in ähnlichen Leistungssphären befinden, immer nah dran waren an Basso und Ullrich aber wie erbrachten die Ihre Leistungen? Sauber? Wie viele Mediziner vom Schlage des umstrittenen Arztes Eufemiano Fuentes aus Spanien gibt es in der Sport-Welt? Und vor allem stellt sich Radsportfans die Frage, wann und ob überhaupt, die gut 140 Namen von Athleten aus anderen Sportarten veröffentlicht werden, die auch in die spanische Affäre verwickelt sein sollen. Sicher ist, dass ein Umdenken der Fahrer und ihres Umfeldes stattfinden muss, damit der Radsport diese Tour für einen wirklichen Neuanfang nutzt.
Trotz des neuerlichen Skandals rechne ich kaum damit, dass die Fans bei der Tour weniger begeistert oder zahlreich sein werden. Die Fernsehquoten werden (nach Ablauf der Fußball-WM) wegen Ullrichs Fehlen vielleicht in Deutschland niedriger sein, aber in den anderen Radsportnationen wohl kaum.
Bei einem langen Interview mit dem vor zwei Jahren geständigen Dopingsünder David Millar, 29, traf ich auf eine komplett andere Person als noch vor seiner Sperre vom hippen Sportstar ohne Unrechtsbewusstsein, hat er sich zum hochseriösen und bodenständigen Radprofi entwickelt. Einer, der seine Fehler zugibt, und, nachdem er alles verloren hat, in seinem Sport die Chance für einen Neuanfang sieht.
Millars Sperre lief vor wenigen Tagen ab und der Schotte vom Team Saunier Duval scheint für die neue saubere Generation von Rennfahrern zu stehen, die wir alle sehen wollen. Die Tour de France macht die Helden, und nicht die Helden die Tour. Dessen ist er sich bewusst und für mich ist er der Topfavorit für den heutigen Prolog in Straßburg (seit 13.15 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE). Es geht bei dem Einzelzeitfahren über 7,1 Kilometer, 176 Fahrer starten.
In der Hoffnung, dass unsere deutschen Nachwuchstalente wie die Gerolsteiner-Fahrer Markus Fothen, 24, und David Kopp, 27, sowie Milram-Profi Christan Knees, 25, dieser 93. Tour de France ihren Stempel aufdrücken, verabschiede ich mich bis zu meiner nächsten Kolumne.
Bis bald, Ihr Marcel Wüst
P.S.: Auch dieses Jahr werde ich an den Ruhetagen (10. und 17. Juli) Leserfragen beantworten. Bitte mailen Sie an folgende Adresse: Etappenhase2006@aol.com .