Etappenhase: Hungrige Fahrer, neue Chancen - DER SPIEGEL
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Etappenhase Hungrige Fahrer, neue Chancen

Die Topstars fehlen bei der Tour. Das ärgert die Fans. Doch viele freuen sich darauf, dass nun bislang unbekanntere Radprofis die Chance haben, für große Aufmerksamkeit zu sorgen. Zu den Hoffnungsträgern zählt auch ein junger Deutscher.
Von Rolf Gölz
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Natürlich wirft der neue Dopingskandal einen riesigen Schatten auf diese Tour de France. Gut ist immerhin, dass die mutmaßlichen Betrüger frühzeitig aussortiert worden sind. Sollten die Fahrer überführt werden, drohen ihnen harte Strafen. Der Präsident der Internationalen Radsport-Union (UCI), Pat McQuaid, spricht von vier Jahren Sperre. Dass dies für einige Profis das Karriereende bedeutet, sei nicht sein Problem, so McQuaid. Auch ich habe für die vermeintlichen Doper, die man ausgeschlossen hat, kein Mitleid.

Das Rennen hat nun keine alten Favoriten mehr, und es gibt neue Chancen für andere Fahrer. Trotz des neuerlichen Dopingskandals stehen wir vor einer interessanten Rundfahrt, die mit Sicherheit so spannend verlaufen wird wie lange nicht mehr. Ich schaue mir deshalb die Tour de France gerne an. Auch heute, die 1. Etappe, die über 184,5 Kilometer von Straßburg zurück nach Straßburg führt (seit 13.15 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE).

Nun kommt die Chance für die Jungen. Die bisherigen Patrone wie Jan Ullrich und Ivan Basso fehlen ja im Peloton 2006 – und deswegen werden die Karten ab sofort neu gemischt. Und das wird man heute auf der Etappe merken. In den Jahren zuvor gab es stets eine gleiche Dramaturgie: Hier sind die Favoriten wie Lance Armstrong, Basso oder Ullrich. Der Rest muss schauen, wo er bleibt. Und so wurde auch gefahren: Immer den Blick auf die Favoriten.

Doch schon seit gestern, seit dem 7,1 Kilometer Prolog in Straßburg ist zu merken, dass Bewegung ins Fahrerfeld gekommen ist. Mit Thor Hushovd hat ein Sprinter gewonnen – so etwas gab es bisher nicht. Der kurze Auftakt war stets der erste Leistungsvergleich zwischen Armstrong, Ullrich und Basso. Seit gestern drängen andere Leute nach vorne – wie der Gerolsteiner Sebastian Lang, der grandios gefahren ist und Vierter wurde.

Und diese anderen Fahrer sind nun hungrig geworden, das wird man heute rund um Straßburg merken. Dass Peloton muss sich nämlich in diesem Jahr neu sortieren. Dadurch erhält das Rennen neue Spannung und einen ordentlichen Schuss Abwechslung. Es kann sein, dass es auf den 184,5 Kilometern hektisch zugehen wird, weil sich viele Fahrer ausprobieren wollen.

Ich sage vorher, dass es heute jede Menge Ausreißergruppen geben wird. Aber vor allem werden die Sprinter das Rennen dominieren wollen, denn die Fahrt durchs Elsass verläuft auf ebenem Terrain, das ist das Hoheitsgebiet der schnellen Männer. Und die kämpfen auf diesen ersten Tagen ums Gelbe Trikot. Der Sprinter Hushovd trägt seit gestern dieses Leibchen – und er wird es mit Zähnen und Klauen verteidigen.

Aber seine Konkurrenten werden den Norweger vom Team Crédit Agricole jagen. Möglicherweise wird dabei nicht bis zum Massensprint-Finale in Straßburg gewartet. Schon auf der Strecke, beim Kampf um Zeitgutschriften, dürften viele Attacken folgen. Mein Favorit auf den Tagessieg ist natürlich ein Sprinter: der Belgier Tom Boonen, der ist in einer sehr guten Form. Und Erik Zabel? Schwer zu sagen. Denn ich denke, dass er über seinen Zenit hinaus ist. Trotzdem hat der Milram-Kapitän - Alessandro Petacchi fehlt ja wegen Verletzung -, noch das Zeug für einen Tagessieg bei dieser Tour.

Die heutige Auftakt-Etappe wird auf jeden Fall wieder ein Publikumserfolg werden - trotz aller Dopingquerelen. Das war 1998, im Jahr des so genannten Festina-Skandals, auch so. Damals bin ich in einem Streckenfahrzeug mitgefahren – an den Straßenrändern standen Millionen von Menschen. Manche allerdings hielten Plakate hoch, auf denen sie die Fahrer beschimpften. Es gab aber auch Fans, die trotz der erdrückenden Beweise gegen die Dopingpraktiken beim Team Festina, immer noch an die Unschuld der Fahrer glaubten.

Solche unterschiedlichen Standpunkte könnten heute auch deutlich werden. Aus deutscher Sicht hat die Vorfreude auf diese Tour natürlich einen Dämpfer erlitten, das wird auf den rund 30 Kilometern, die das Peloton heute über deutschen Boden rollt, zu spüren sein. Aber kommen werden die Fans auf jeden Fall. Vielleicht auch, weil alle sehen möchten, welche Männer die Gunst der Stunden nutzen wollen.

Ich hoffe, dass es die jungen Profis sind, die jetzt für Furore sorgen. Vielleicht ist bei denen der Ehrgeiz neu entbrannt, denn als kleiner Rennfahrer hat man ja immer das Gefühl, dass die Großen und Berühmten bei Dopingvorwürfen unter einem gewissen Schutz stehen. Das sorgt für Ärger, der sich seit vorgestern in eine neue Lust auf den Erfolg entladen könnte. Jaroslaw Popowytsch, Alejandro Valverde und sogar dem Gerolsteiner Markus Fothen traue ich zu, dieses Jahr ins Rampenlicht zu fahren.

Ganz sicher sind längst nicht alle Betrüger gefasst. Aber je mehr man überführt, um so schneller kann der Dopingsumpf trocken gelegt werden. Und dann gilt mehr denn je der uralte Grundsatz: Die Tour macht die Stars groß, nicht umgekehrt. Die Tour sorgt auch für neue Stars – und lässt die alten Betrüger vergessen.