Etappenhase: Krieg hinter den Kulissen - DER SPIEGEL
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Etappenhase Krieg hinter den Kulissen

"Epo, ich liebe Dich", "Epo, ich brauche Dich" - die Gruppe La Plage liefert den Hit dieses Tour-Sommers. Wie viele Fahrer summen ihn mit? Beim berühmtesten Radrennen der Welt ist die Stimmung vergiftet: Teams, Verbände, Sportler und Reporter gehen sich an, Sponsoren sind auf dem Absprung.
Von Jörg Schallenberg
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Sonne scheint, Hunderttausende von Zuschauern jubeln entlang der Strecke, und am Ende gewinnt Robbie McEwen den Sprint. Bei der Tour de France 2007 ist auf den ersten Blick tatsächlich alles so, wie es immer war. Doch hinter der schönen Fassade, für die in diesem Jahr zunächst verträumte Nebenstraßen von London bis Canterbury herhalten müssen, bröckelt es überall. Und das schneller, als es viele der Beteiligten bislang wahrhaben wollen.

Fahrerfeld in London: Eskalierte Konflikte

Fahrerfeld in London: Eskalierte Konflikte

Foto: Getty Images

Die wenigen Tage von London lieferten einen Eklat nach dem anderen. Zunächst bekamen sich die Rennställe über das Thema Doping in die Haare. Der lange schwelende Konflikt zwischen italienischen und spanischen Teams einerseits sowie deutschen und französischen Mannschaften brach offen aus. Die lang bemühte Einstimmigkeit oder zumindest der Konsens innerhalb der ProTour-Teams ist damit vorerst aufgekündigt. Welche Konsequenzen die Anfeindungen auf die gesamte Rennserie haben werden, dürfte sich erst nach der Tour zeigen. Zwei konkurrierende Profiverbände, die sich erbittert bekämpfen, werden die Attraktivität der arg ramponierten Sportart nicht eben erhöhen.

Die Pressekonferenzen in der englischen Hauptstadt glichen in den vergangenen Tagen eher offenen Feldschlachten. Wo früher oft allzu devot ein paar Zitaten hinterhergehechelt wurde, giften sich Rennfahrer und Reporter nun munter an und bezichtigen sich gegenseitig der Lüge und der Ignoranz. Die Stimmung ist aufs Äußerste gereizt, dabei steht heute gerade erst die zweite Etappe auf dem Programm.

Auch wenn die Fernsehbilder wie gehabt über den Bildschirm laufen, hat sich zudem die Stimmung in den meisten Medien gewandelt. Manche große Zeitung haben keine Reporter an der Strecke, andere, wie die "Berliner Zeitung", verzichten abgesehen von Ergebnislisten auf jegliche sportliche Berichterstattung und thematisieren nur das Doping. In den meisten Redaktionen wurde zumindest diskutiert, ob man überhaupt noch über die Tour de France berichten soll. Wer sich dafür entschieden hat, schreibt und sendet unter Vorbehalt.

Sollte klar werden, dass sich am organisierten Doping und der großen Lüge nichts ändert, dann findet die Tour 2008 zumindest in Deutschland vermutlich unter Abwesenheit der Massenmedien statt – falls sie noch stattfindet.

Solche Entwicklungen bleiben den Sponsoren der Teams und der Rennen nicht verborgen, ebenso wenig wie die Warnung von Innenminister Wolfgang Schäuble an den Ausrichter der kommenden Rad-Weltmeisterschaft. "Stuttgart will sicher nicht seinen Ruf als Sportstadt riskieren, indem es die letzte spektakuläre Veranstaltung einer im Dopingsumpf untergehenden Sportart ausrichtet", sagte der auch für den Sport zuständige Minister dem "Tagesspiegel".

Nachdem der Schweizer Konzern Phonak sein Team bereits im vergangenen Sommer nach dem Skandal um seinen Toursieger Floyd Landis dichtmachte, steht auch Nordmilch als Geldgeber des Zabel-Teams Milram vor dem Absprung, und sogar das im Anti-Doping-Kampf vergleichsweise gut im Rennen liegende Team Gerolsteiner muss um seine Zukunft bangen. Selbst der hartgesottene Discovery Channel, für den einst Lance Armstrong all seine roten Blutkörperchen in Bewegung setzte, hat die Lust an der zweifelhaften Leistungsschau verloren - der Ausstieg ist für Ende 2007 beschlossen. Auch in Frankreich ist von Unruhe unter den Sponsoren zu hören, in Italien und Spanien hingegen scheinen die Uhren in Sachen Problemerkennung etwas langsamer zu ticken.

Schließlich können auch all die anscheinend von allen Dopingberichten ungestört weiter ihre Helden feiernden Fans entlang der Strecke nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Interesse am Radsport nachhaltig zu sinken droht. Zwar zieht kaum jemand extra zu einem Rennen, um zwielichtige Protagonisten auszupfeifen oder Protest gegen mutmaßlichen Betrug am Zuschauer anzumelden, doch die Fernsehquoten sanken bereits im vergangenen Jahr deutlich.

In Radsportforen wird längst über jene Fahrer gespottet, die sich in fortgesetzter Ignoranz üben – gern garniert mit dem Link zum Hit dieses Toursommers : "Epo te quiero", singt die Band La Plage – was übersetzt so viel bedeutet wie "Epo, ich liebe Dich". Oder auch "Epo, ich brauche Dich".

Wer weiß, wie viele im Feld der 188 verbliebenen Fahrer da immer noch mitsummen.