Etappenhase Mythos Alpe d'Huez
Natürlich gibt es steilere, härtere Anstiege bei der Tour de France als diese 13,8 Kilometer hinauf nach Alpe dHuez in 1850 Meter Höhe. Die Gipfel Galibier oder Tourmalet gehören dazu. Unbekannter, jedoch mit am unbarmherzigsten ist vielleicht die kurze, aber extrem steile Fahrt hinauf zum Col de la Forclaz, oberhalb der Stadt Annecy in den savoyardischen Alpen.
Alpe dHuez ist trotzdem ein Mythos. Nirgendwo auf der Tourstrecke stehen rund 500.000 Menschen am Straßenrand und machen den Berg zu einem Radsportstadion. Denn als Zuschauer hat man in der Regel nicht viel von einem Peloton, meist rauscht der Tross mit Tempo vierzig vorbei, das geht in Sekunden.
Auch die überwiegende Zahl der Gipfelüberfahrten bieten nur wenige Augenblicke Genuss für die Fans nicht so Alpe dHuez. Hier können die Zuschauer weit hinunterblicken und die Fahrer schon lange sehen, bevor diese dann direkt vor ihren Augen um die nächste der insgesamt 21 Kehren fahren. Und weil sich das Feld vor dem Schlussanstieg hinauf zu diesem Skiort schon mächtig auseinandergezogen haben dürfte, präsentieren sich die Profis den Fans wie an einer langen Perlenkette. Einer nach dem anderen, im Schnitt bei Tempo 30.
Und in diesem Radsportstadion herrscht dann eine unglaubliche Stimmung. Die Farbe Orange wird nicht zu übersehen sein, denn Alpe dHuez gilt als "Berg der Holländer": Bis ins Jahr 1989 wurden von 14 Bergankünften acht von Fahrern aus den Niederlanden gewonnen. Danach jedoch nie wieder. Aber auch die deutschen Anhänger werden heute den Berg bevölkern, denn der Weg zu den Gipfeln der Pyrenäen ist doch etwas zu weit. Also strömen sie regelmäßig in die Alpen. Diese Menschenmassen werden daher die letzten Kilometer der insgesamt 187 Kilometer langen 15. Etappe von Gap zu einem Radsportfestival machen. Für die Fahrer bedeuten die finalen Meter nach Alpe dHuez Gänsehautfeeling. Jemand hat einmal geschrieben, Alpe dHuez sei für den Radsport das, was das brasilianische Maracana-Stadion für den Fußball ist.
Manchmal kann den Fahrern die Nähe zu diesen ekstatischen Menschen aber auch zum Verhängnis werden, wie 1999 Giuseppe Guerini leidvoll erfahren musste. Das Ziel schon als sicherer Sieger vor Augen, rasselte der italienische Profi vom damaligen Team Telekom mit einem fotografierenden Zuschauer zusammen, der vergessen hatte, rechtzeitig von der Straße zu springen. Guerini konnte sich aber in Sekundenschnelle wieder aufrappeln und gewann trotz dieses Missgeschicks die Etappe.
Wer die Fahrt nach Alpe dHuez gewinnen kann, hat ein bisschen Radsportgeschichte geschrieben; keine Tour-Etappe wird weltweit mehr beachtet als dieses Teilstück in den Alpen. In jeder Kehre stehen Schilder mit den Namen der Tagessieger. Einen Trick, wie man hier gewinnen kann, gibt es freilich nicht. Denn diese Fahrt, die heute auch über den gewaltigen Gipfel des Col dIzoard (2350 Meter) führt, ist hart genug, zu viel kann auf der Strecke passieren.
Und die Hitze wird für die Fahrer eine zusätzliche Belastung werden. Als Jens Voigt (CSC) am Wochenende gewann, rollten wir über schmatzenden Asphalt, der Belag war von der Sonneneinstrahlung regelrecht aufgeweicht. Der Tagestemperaturhöhepunkt war 46,5 Grad, die mein Autothermometer unterwegs anzeigte. Aufgrund dieser Umstände ist bei meinen Leuten auch angesichts des großen Spektakels im Schlussanstieg noch nicht gerade von Vorfreude auf die heutige Etappe zu sprechen, auch wenn wir mit Georg Totschnig und Levy Leipheimer sogar Kandidaten auf den Tagessieg haben. So grandios die Atmosphäre hinauf nach Alpe dHuez auch sein wird das Leiden im Berg wird keinem Fahrer erspart bleiben.