Etappenhase: Nervös wie die Rennpferde - DER SPIEGEL
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Etappenhase Nervös wie die Rennpferde

Die erste Etappe nach einem Ruhetag birgt viele Gefahren in sich. Die Fahrer müssen erst wieder ihren Rhythmus finden, sind angespannt und voller Ungeduld. Deshalb ist heute vor allem Konzentration und Kontrolle gefragt.
Von Hans-Michael Holczer
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

So, der Ruhetag ist vorüber, alle haben den Tag genutzt, um den Kopf frei zu bekommen. Zwei Stunden radeln, ein bisschen Kaffee trinken und entspannen. Dieses Programm ist der klassische Ablauf an so einem Tag. Die Fahrer hatten Zeit, ihre privaten E-Mails abzurufen, durchzuschnaufen – und ein bisschen zur Besinnung zu kommen nach der ersten hektischen Woche dieser Tour de France.

Es war eine gute Entscheidung von den Organisatoren der Tour, dieser Auszeit noch eine Flachetappe folgen zu lassen. Denn so notwenig eine Pause ist, sie birgt auch Gefahren für den folgenden Renntag. Nicht alle Fahrer finden sofort wieder in den Wettkampf-Rhythmus zurück, auf den ersten 20 Kilometern fühlen sich viele richtig miserabel. Sie brauchen Zeit, um in Tritt zu kommen, müssen sich wieder neu konzentrieren.

So ein Zustand kann gefährlich sein, vor allem, wenn das Streckenprofil gleich bergig ist. Glücklicherweise steht uns das heute nicht bevor. Die rund 170 Kilometer von Bordeaux nach Dax sind im Prinzip flach, allenfalls der Wind könnte stören. Aber angeblich soll dieser Abschnitt meistens bewaldet sein, also dürften wir mit keinen „Sturmböen“ rechnen.

Gemütlich wird es trotzdem keinesfalls. Schon in der Mannschaftssitzung am Morgen habe ich den Fahrern gesagt, dass sie aufpassen und wachsam sein müssen. Die Gemütlichkeit des Ruhetags muss aus dem Kopf, ab heute ist wieder Rennanspannung gefragt. Denn wer es nicht schafft, sich gleich wieder zu konzentrieren, kann schnell in einen Sturz verwickelt werden, sich versteuern oder sonstwie in Schwierigkeiten kommen.

Aber nicht nur diese Fragen der „Verkehrssicherheit“ sind zu beachten. Konzentration ist auch gefragt bei der Kontrolle des Feldes. Nach einem Ruhetag sind die Fahrer wie nervöse Rennpferde: Zappelig, voller Ungeduld, tatendurstig. Schnell entlädt sich dieser Drang in wilde Ausreißversuche, vielleicht einer der wichtigen Fahrer des Gesamtklassements – und darauf muss meine Mannschaft notfalls reagieren.

Denn dass es wie am Sonntag wieder zu Attacken kommen wird, davon ist auszugehen. Allerdings werden diesmal die Mannschaften mit den besten Sprintern mit diesen Flüchtlingen nicht so leichtfertig umgehen und ihnen den Sieg überlassen, den auf der achten Etappe der Franzose Sylvain Calzati davongetragen hat. Heute werden die Mannschaften versuchen, jeden Ausreißer zu stellen. Denn für die Sprinter ist heute die vorerst letzte Chance auf das große Glück, sprich Etappensieg. Ab morgen wartet das Hochgebirge – und dort ist es vorbei mit der Herrlichkeit der schnellen Männer.

Was bedeutet diese Etappe für meine Mannschaft? Vor allem, kontrolliert zu fahren. Der Tagessieg ist bei uns nicht das Maß der Dinge. Wenn sich die Chance bietet, dann nutzen wir sie natürlich. Aber Gerolsteiner ist kein Sprinterteam, daher werden wir nicht um jeden Preis den Erfolg suchen. In Sachen Sprint sind wir eher Abstauber. Das ist keine schlechte Ausgangslage. Denn oft ist es gerade ohne den Druck des Siegenmüssens einfacher. Und wenn meine Fahrer die Leiden der ersten 20 Kilometer hinter sich gebracht haben, sowieso.