Etappenhase: Suche nach der neuen Strategie - DER SPIEGEL
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Etappenhase Suche nach der neuen Strategie

Die Tour rollt und auf den ersten Flachetappen dominieren traditionell die Sprinter. Einige Teams im Feld müssen nach dem Aus der Favoriten auf den Gesamtsieg ihre Strategie überdenken - oder gar einen neuen Kapitän suchen.
Von Marcel Wüst
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Trotz der turbulenten Ereignisse im Vorfeld des Auftakts dreht sich bei der Tour alles wieder ums Sportliche. Bei den meisten Teams hat sich nichts geändert, was Taktik und Herangehensweise an die drei Rennwochen angeht – alle ihre Fahrer sind dabei, und die vor der Tour gesteckten Ziele sind immer noch die gleichen.

Bei anderen Mannschaften wie Gerolsteiner, das vom Dopingskandal nicht betroffen war, hat sich trotz dieser Tatsache einiges verschoben. Levi Leipheimer, der Kapitän, war im vergangenen Jahr Sechster und hat in diesem Jahr das Podium anvisiert. Nun sind nach dem Rücktritt von Lance Armstrong sowie dem Ausschluss von Ivan Basso, Jan Ullrich, Francisco Mancebo und von Alexander Winokourov auf einmal alle Fahrer nicht mehr dabei, die im vergangenen Jahr noch vor ihm lagen.

Das ist eine gute Ausgangsposition, möchte man meinen, aber für seine Mannschaft bedeutet das ab sofort, dass ihr von allen anderen Teams eine große Mitverantwortung für eine stabile Rennsituation aufgebürdet wird. Wo sonst T–Mobile und CSC kontrollierend gewirkt hätten, ist Gerolsteiner stark gefordert. Vor allem beim CSC-Team von Jens Voigt wird es viele Fahrer geben, die das Rennen mit Angriffen nervös machen wollen - allen voran der Deutsche selbst.

Weil in Voigts Mannschaft viele gute Etappenfahrer am Start sind, erwarte ich von CSC auf den schwierigen Abschnitten viele Angriffe. Denn wenn man sich im Feld bei der Verfolgungsarbeit nicht einig ist, wenn jeder schaut, was die anderen machen anstatt selber zu handeln, dann ist schnell eine Gruppe mit Rennfahrern wie Carlos Sastre oder Bobby Julich weit enteilt.

Auch bei anderen von den Suspendierungen betroffenen Mannschaften hat sich die Strategie geändert. Beim französischen Team AG2R wurde Co-Leader Christophe Moreau zum alleinigen Kapitän, bei T–Mobile wird die „Kapitänsfindungsphase“ wohl noch bis zum ersten Zeitfahren dauern. Denn trotz des Fehlens von Jan Ullrich hat der Bonner Rennstall starke Rundfahrer in seinen Reihen, die nun die Magenta-Farben in der Gesamtwertung vertreten könnten, allen voran der Überraschungszweite von 2004, Andreas Klöden.

Klöden hat die Rückennummer 21 von Jan Ullrich "geerbt". Das ist schon ein gutes Zeichen dafür, dass ihm die Mannschaftsleitung die Kapitänsrolle zutraut. Für ihn und seine sechs Teamkollegen ist es in der ersten Rennwoche besonders wichtig, von Stürzen verschont zu bleiben, um nicht noch weiter dezimiert in die Berge zu gehen. Dieses Ziel haben zwar alle Fahrer bei der Tour, aber wenn man schon nur mit sieben Leuten startet, tut jeder weitere nicht voll einsatzfähige Fahrer besonders weh.

Ansonsten ergibt sich in den ersten Tagen dieser Tour das Bild wie in den vergangenen Jahren. Es gibt Ausreißergruppen, die kurz vor dem Ziel von den Sprinterteams gestellt, aber dennoch belohnt werden. Fabian Wegmann freut sich nach seinem fulminanten Sprint an der einzigen Bergwertung der gestrigen Etappe über das gepunktete Bergtrikot, und auch die Cleverness von George Hincapie wurde belohnt. Der Amerikaner vom Team Discovery Channel nutzte den letzten Zwischensprint des Tages, um sich eine Zeitgutschrift und damit das gelbe Trikot zu sichern.

Da Thor Hushovd als Sprinter mit Etappensiegambitionen so kurz vor der Zielankunft keine Energie mehr vergeuden wollte, hatte Hincapie ein leichtes Spiel, beim letzten Zwischensprint zehn Kilometer vor dem Ziel die zwei Bonussekunden zu ergattern.

Auch heute erwarte ich wieder einen spannenden Massensprint. Der gestrige Etappensieger Jimmy Casper wird beweisen wollen, dass er keine Eintagsfliege ist, und Weltmeister Tom Boonen will nach seinem schwachen Auftritt gestern Wiedergutmachung, denn sein Sprint war - nicht zuletzt mangels Teamunterstützung - alles andere als weltmeisterlich.

Wegmann wird seinerseits alles dafür tun, um in der wichtigen Spitzengruppe des Tages vertreten zu sein. Damit er sein Bergtrikot verteidigen kann, muss er punkten, und die Punkte die er braucht, die gibt es nur vorne!

Bis bald, Ihr Marcel Wüst

P.S.: Auch dieses Jahr werde ich an den Ruhetagen (10. und 17. Juli) Leserfragen beantworten. Bitte mailen Sie an folgende Adresse: Etappenhase2006@aol.com.