Etappenhase: Wer ist der Nächste? - DER SPIEGEL
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Etappenhase Wer ist der Nächste?

Die Tour rollt - und ständig tauchen neue Doping-Enthüllungen auf. Beim Team T-Mobile will man weiter durchgreifen, aber erst nach der Ziel-Einfahrt in Paris. Mal abwarten, wer bis dahin noch auf den Listen der spanischen Polizei auftaucht.
Von Jörg Schallenberg
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das Schöne zuerst: Erik Zabel kennt einen Radrennfahrer, der garantiert sauber ist. Das Schlechte daran: Es handelt sich um seinen zwölfjährigen Sohn Rik. Wenn er seinen Filius zu dessen Rennen begleite, so schwärmte Zabel jüngst, dann stelle er "mit Genugtuung" fest: "Das ist noch mein Sport in seinen Wurzeln, darin finde ich mich wieder, wie ich früher war."

Zabels nostalgischer Anflug ist in diesen Tagen nur zu gut zu verstehen: Es scheint, dass man schon weit zurück in die eigene Jugend blicken muss, um den Leistungssport Radfahren in einem Zustand zu entdecken, in dem er eigentlich sein sollte – aber vermutlich niemals gewesen ist. Wenn die Zuschauer bei der 93. Auflage der Tour de France ihre Helden (sofern sie noch starten dürfen) so enthusiastisch feiern wie immer, spiegelt das die Hoffnung wider, dass die schwarzen Schafe im Fahrerlager entdeckt und ausgeschlossen sind.

Es fragt sich nur, wie viele weiße Schafe es überhaupt noch gibt – und wie die Teams mit den im Tagesrhythmus neu auftauchenden Doping-Vorwürfen umgehen sollen, ohne das Gesicht oder die halbe Mannschaft zu verlieren.

Besonders T-Mobile hat zu kämpfen: Kaum hatten sich die Bonner nach der Ullrich-Suspendierung als Saubermänner der Branche etabliert, da wurde bekannt, dass mit dem Italiener Eddy Mazzoleni, Michael Rogers (Australien) und Patrik Sinkewitz aus Fulda gleich drei Fahrer Kontakte zum italienischen Arzt Michele Ferrari pflegten. Der ist vielen besser unter seinem Spitznamen "Dottore Epo" bekannt.

Ferrari, der auch den siebenmaligen Toursieger Lance Armstrong betreute, war in Italien im Oktober 2004 wegen Sportbetrugs und Arzneimittel-Missbrauchs zu einem Jahr Haft auf Bewährung und elf Monaten Berufsverbot verurteilt worden. Im Berufungsverfahren entging er dann einer Bestrafung – die Vorwürfe waren zwischenzeitlich verjährt.

Bei T-Mobile störte der schlechte Ruf aber weder den sportlichen Leiter Olaf Ludwig noch Fahrer Sinkewitz – der befand noch am Montag naiv: "Für mich ist Ferrari ein sehr guter Trainer. Ich habe ihn viermal bei Leistungstests gesehen, dann hat er mir Trainingspläne geschrieben."

Ähnlich wollten sich auch seine Kollegen Rogers und Mazzoleni rausreden. Während man angesichts solch haarsträubender Kommentare schon sarkastisch nachfragen wollte, ob Rudy Pevenage und Jan Ullrich bei Ferraris Kollegen Eufemiano Fuentes in Madrid vielleicht auch nur ein paar Trainingspläne abholen wollten, die dummerweise gleich neben den Blutkonserven im Tiefkühlfach gelagert waren, zog die T-Mobile-Leitung immerhin einen Schlussstrich.

Oder genauer gesagt: Sie kündigte in Person von PR-Chef Christian Frommert an, einen Schlussstrich ziehen zu wollen - nach der Tour. Dann soll es allen Fahrern in Magenta untersagt sein, mit Ärzten zusammenzuarbeiten, die einen ähnlich miesen Ruf haben wie "Dottore Epo".

Fraglich bleibt, ob man sich als Beobachter über immerhin geplante Konsequenzen freuen soll - oder einmal mehr entgeistert die Frage stellen muss, warum all dies nicht schon längst geschehen ist, ohne dass die Medien erst dreimal nachhaken mussten.

Angeblich wusste außer den Fahrern - und Teammanager Olaf Ludwig - bislang niemand Bescheid über die Zusammenarbeit mit Michele Ferrari. Wenn es so war, zeigt das zumindest, wie wenig viele Fahrer wahrhaben wollen, dass sie in jener gefährlichen Grauzone agieren, in der gerade Jan Ullrich gestrauchelt ist. Solch mangelnde Einsicht lässt leider Böses für die nahe Zukunft ahnen.

Zumal die Ermittlungen der spanischen Polizei im Dopingfall um Eufemiano Fuentes parallel zur Tour de France weiterlaufen - und mit einiger Wahrscheinlichkeit noch vor der Zieleinfahrt in Paris am 23. Juli der eine oder andere Teilnehmer zum Absteigen gezwungen wird. Ein nicht sehr lustiges Ratespiel für Zuschauer und Journalisten: Wer ist wohl der Nächste?

Wichtiger aber ist die Frage: Was muss der Radsport tun, um den immer neuen, immer schlimmeren Enthüllungen nicht länger so atemlos hinterherzuhecheln wie ein ungedopter Sprintspezialist bei der Bergankunft in L'Alpe d'Huez?

Einen unkonventionellen Vorschlag hat CSC-Pilot Jens Voigt am Dienstag gemacht. "Allen Fahrern werden am 1. Januar Blut abgezapft sowie Haare abgeschnitten und beides für fünf Jahre eingelagert, so dass auch viel später beim Verdacht eines Dopingvergehens rückwirkend bestraft werden könnte", sagte er der "Welt". Absurd? Auch nicht weniger als der jetzige Zustand, bei dem Gerüchte und Verdächtigungen jeden Tag aufs Neue die Freude an der Tour trüben.

Das wäre doch ein Ziel: Wenn Zabel-Sohn Rik sein Debüt im Profi-Sport gibt, ist alles sauber. In ein paar Jahren. Schneller wird es sowieso nicht gehen.