Ex-Boxer Jürgen Blin: Raus aus dem Dreck - DER SPIEGEL
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Ex-Boxer Jürgen Blin Raus aus dem Dreck

Normalerweise hört man von Boxern, die nicht mehr boxen, erst wieder etwas, wenn sie gestorben sind. Jürgen Blin ist nicht tot, auch wenn das von Waldemar Hartmann vor kurzem in der ARD behauptet wurde. Beim Kampf heute steht er sogar vor der Kamera.
Von Ina Bösecke
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wie eine Leiche sieht Jürgen Blin, der eine kleine "Bier- und Snackbar" am Hamburger Hauptbahnhof betreibt, nicht aus. Zerfurchtes Gesicht, lädierte Nase, aber der Gang ist aufrecht und die Figur noch fast so drahtig wie zur aktiven Boxzeit. "Ich laufe dreimal die Woche sieben Kilometer", sagt der 63-jährige Ex-Profi. "Wenn ich das nicht mache, werde ich unruhig." Sogar sein altes Kampfgewicht hat Blin noch - 80 Kilogramm. Nach heutigen Kriterien wäre er damit im Cruisergewicht einzuordnen. Er hat aber als Schwergewichtler geboxt. "Ich weiß gar nicht mehr, wie ich das immer geschafft habe, gegen die schweren Brocken zu kämpfen", sagt er. Das scheint ein Lieblingssatz von Blin zu sein. Man hört ihn immer wieder.

Der berühmteste Brocken, gegen den Blin kämpfte, war Muhammad Ali, von dem drei große Fotos in der Bar des ehemaligen Boxers hängen. Der Kampf fand 1971 in Zürich statt und endete für Blin mit einer K.o.-Niederlage in der siebten Runde. Wenige Monate zuvor hatte Ali gegen Joe Frazier verloren und musste wieder für einen WM-Kampf aufgebaut werden. Blin schien ein geeigneter Gegner zu sein: einigermaßen bekannt in Europa, aber nicht wirklich gefährlich für Ali.

Im Internet gibt es bei YouTube einen kleinen Film über diesen Kampf. Blin macht keine schlechte Figur dabei, geht Ali mehrmals hart an und scheint keine Angst vor dem großen Namen zu haben. "Mut war bei mir sowieso immer da", sagt Blin. "Ich habe nie nach dem Gegner gefragt. Ich habe sie geboxt, wie sie gekommen sind." Ein Weltklasseboxer war Blin aber nie. Eher ein Wühler. Für seine Titel brauchte er immer mehrere Anläufe. Drei für die Deutsche Meisterschaft im Schwergewicht, zwei für die Europameisterschaft. "Ich war nie ein Talent, ich musste immer hart arbeiten", sagt Blin und krempelt die Ärmel seines karierten Hemdes hoch, als gelte es, sämtliche Kämpfe der Vergangenheit noch einmal zu bestreiten. "Ich wollte unbedingt raus aus dem Dreck."

Mit Dreck meint Blin sein Elternhaus, speziell den Vater, der Melker war – und Alkoholiker. Morgens musste der Junge die Kühe versorgen, in der Schule wollte keiner neben ihm sitzen, "weil ich nach Kuhscheiße stank". Mit fünfzehn Jahren lief er von zu Hause weg und lernte in Hamburg einen Fleischermeister kennen. Der bot ihm Lehrstelle und Unterkunft an, für Blin ein Sechser im Lotto. Gegenüber der Fleischerei befand sich eine Boxhalle. Er fängt mit dem Training an und merkt: "Mensch, du kannst ja doch was."

Blin setzte seine ganze Energie fürs Boxen ein. "Ehrgeizig und sehr wild!", schrieb die "Bild"-Zeitung am 29. Februar 1964 über ihn. Es ist das Jahr, in dem Blin Deutscher Amateurmeister im Schwergewicht wurde und ins Profilager wechselte. Bald kämpfte er gegen bekannte Namen wie Gerhard Zech, Peter Weiland und Norbert Grupe. Letzteren besiegte er nach Punkten in Köln. Darauf ist Blin noch heute stolz. Grupe war der schillerndste Boxer, den Deutschland je zu bieten hatte, "ein Märchen von einem Monster" (Wolf Wondratschek). Wenn er boxte, rannten die Leute scharenweise in die Hallen. "Der konnte boxen, der konnte hauen, der konnte eine gute Show machen", sagt Blin und ballt die rechte Hand zur Faust als Zeichen seiner Anerkennung. Der Film "Der Boxprinz" von Gerd Kroske zeigt Grupe kurz vor seinem Tod als einsamen und mittellosen Menschen.

"Der hat das zu übertrieben", bedauert Blin. "Hat mit dem Kiez angefangen, mit den leichten Mädchen, mit Drogen. So hat er sich kaputt gemacht." Ein Gegenentwurf zum fleißigen Arbeiter Jürgen Blin, der auch im Rentenalter noch täglich für ein paar Stunden in seiner Bar schafft. "Der macht auch nie Urlaub", sagt ein Gast an der Theke, als Blin auf Toilette geht. "Kann er aber ruhig mal", brummt die Kellnerin. Kann er nicht. Blins Lebensmotto lautet: "Vor dem Erfolg hat Gott den Schweiß gesetzt." Der Satz steht mit roter Schrift in einer der Fotoalben, die seine Boxkarriere dokumentieren.

Das sei auch das Problem der Boxer von heute, glaubt Blin. "Die wollen sich nicht mehr quälen." Wenn er mal einen finden würde, der "wirklich hungrig ist", dann hätte er Lust, ihn aufzubauen. Aber die Jungs vom ehemaligen Boxverein, bei dem Blin noch manchmal vorbeischaut, "machen das alles zu lässig." Ein paar gute Boxer gebe es schon noch, meint Blin, der alle Boxkämpfe vorm Fernseher verfolgt. Es klingt aber nicht sehr begeistert. Fragt man ihn nach einem Lieblingsboxer, muss er lange überlegen. "Gut ist ja der Abraham vom Sauerland", antwortet er zögernd. Später fallen ihm noch die Klitschko-Brüder ein.

Ein guter Boxer sei auch sein Sohn gewesen, meint Blin, der Knut. Auch er war Profiboxer, gewann 1990 sogar die Internationale Deutsche Meisterschaft. Vierzehn Jahre später stürzte er sich aus dem zwölften Stock einer psychiatrischen Klinik am Bodensee in den Tod. "Manische Depression. Die Krankheit steckte die ganze Zeit in ihm drin", sagt Blin. "Wir konnten ihm nicht helfen." Er hofft, dass es ihm "da oben" besser geht.

Als Blin 1973 seine Karriere als Boxer beendete, war er Anfang dreißig. Acht Jahre Schwergewicht, "das bleibt nicht im Anzug hängen." Die Sehnsucht nach dem Ring, von der so viele Boxer reden, die kennt er auch. "Das ist schon eine schöne Sache, wenn man da oben steht und angehimmelt wird", sagt er. "Wenn ich noch mal fünfzehn wäre, würde ich alles noch mal so machen. Ich habe die ganze Welt gesehen durch das Boxen. Mit meinem Beruf als Fleischer hätte ich das nicht geschafft." Für das Comeback von Henry Maske hat er dennoch kein Verständnis. "Hundertprozentig eine Geldsache." Blin gibt sich zufrieden, mit dem, was er damals verdiente. Eine Million DM soll es gewesen sein. Wo die geblieben ist, verrät er nicht. In seine Bar scheint er das Geld nicht investiert zu haben. Eine Theke, ein Spielautomat, drei kleine Tische – mehr passt hier nicht rein. Ein Boxring dürfte größer sein.

Heute Abend wird Jürgen Blin bei der ARD-Übertragung des WM-Boxkampfs im Supermittelgewicht (ab 22.35 Uhr) vor der Kamera stehen. Waldemar Hartmann hat ihn eingeladen und wird ihn interviewen.

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