Extremsport Puckjagd unterm Eis
Eine 30 Zentimeter dicke Eisschicht, beißend kalte Luft und gerade mal zwei Grad Wassertemperatur was für die meisten Menschen nach einem Trainingsgelände einer grönländischen Elite-Einheit klingt, weckt in Philipp von Heydebreck den Spieltrieb. "Unter diesen Umständen", sagt der Münchner Extremsportler, "ist das Wasser schön klar und die Eisdecke extrem stabil." Auf ähnliche Rahmenbedingungen hofft von Heydebreck darum für morgen in Österreich. Dann beginnt im Kärntner Weißensee die erste Weltmeisterschaft im "Eishockey unter Eis". Spielen wird von Heydebreck dabei wie alle Spieler bei dem Turnier ohne Pressluftflasche. Mit einem Atemzug muss er auf Torejagd gehen, übertreibt er unter Wasser, droht ein Blackout mit möglicherweise schwerwiegenden körperlichen Schäden.
"Das erste Eintauchen ist schon ein kleiner Schock", sagt von Heydebreck. "Volle Konzentration und die enorme körperliche Anstrengung lassen einen die Kälte aber schnell vergessen." Ähnlich wird es auch sein, wenn die 16 Spieler aus der Freitaucher-Elite in Österreich zusammenkommen. Verteilt auf acht Teams (Niederlande, Finnland, Deutschland, Tschechien, Slowakei, Polen, Slowenien und Österreich) werden sie unter Wasser auf einem acht mal sechs Metern großen Feld bis Sonntag um den Weltpokal kämpfen. Von Heydebreck und sein Mitspieler hätten ganz gute Chancen, sagt Christian Redl, der die Sportart 2005 erfunden hat. "Aber wir sind die Favoriten." Redl ist Österreicher.
Gespielt wird kopfüber mit einem Styropor-Puck, der durch seinen Auftrieb gegen die Unterseite der Eisdecke gedrückt wird. Die von unten im Eis befestigten Tore gleichen dabei denen des Standard-Eishockeys. Und auch die Banden, die das Spielfeld abgrenzen, sind wie bei der herkömmlichen Variante mit Werbung übersäht. Die Zuschauer können die Spiele auf Großleinwänden verfolgen.
Alle 35 bis 45 Sekunden müssen die Spieler ihre Jagd nach Toren unterbrechen und Luft holen. Für Apnoe-Taucher, die im Extremfall bis zu neun Minuten die Luft anhalten können, ist Unterwasser-Eishockey auch deswegen ein eher hektischer Sport. Beim fliegenden Wechsel an den zuvor mit Motorsägen in das Eis geschnittenen Luftlöchern links und rechts neben der Mittellinie gilt es, so schnell wie möglich die Lungen wieder mit Sauerstoff zu füllen. Der eigentlich niedrige Puls der Apnoe-Taucher, der bei von Heydebreck beim Zeittauchen schon mal auf 40 Schläge die Minute sinkt, schnellt bei der enormen Anstrengung im eiskalten Wasser in die Höhe. "Auf über 120 Schläge", wie von Heydebreck erklärt. Genau das aber versuchen die Freitaucher zu verhindern. Denn je höher der Puls, desto mehr Sauerstoff wird verbraucht.
Eine eher defensive Spielausrichtung - das Team blockiert lediglich den Puck - spart Sauerstoff. Wer sich mehr bewegt, verbraucht auch mehr und muss früher wieder auftauchen, um Luft zu holen. "Der Augenblick des Wechsels ist dann die beste Chance zum Angriff", sagt von Heydebreck. Doch selbst das passive Blocken ist nicht einfach und kaum ohne Anstrengung zu bewältigen. Denn zur Puckeroberung ist den Unterwasser-Spielern mehr erlaubt als den Kollegen auf dem Eis: etwa Zerren und Treten. Nur die Maske des Gegners ist tabu. Mitunter offenbart sich den Zuschauern so ein wirres Knäuel aus Schwimmflossen, herumrudernden Armen und Eishockey-Schlägern, das mehr an eine Hai-Fütterung denn an Winterwassersport erinnert.
"Wichtig ist, dass die Spieler ihre Sauerstoff-Reserven richtig einschätzen", sagt von Heydebreck. Ebenso notwendig sei es, die Orientierung zu behalten. "Da wir kopfüber beziehungsweise in Rückenlage spielen, ist das gar nicht so einfach", sagt der 38-Jährige. Aber dafür umso bedeutender. Denn von den ersten Warnanzeichen bis zum völligen Blackout sind es teilweise nur Sekunden. "Man beginnt zu zittern, der Kopf wackelt und das Gesichtsfeld beginnt sich einzuengen". Das sei oft das Letzte was Apnoe-Taucher "vor dem Wegtreten" noch wahrnehmen, erklärt von Heydebreck.
Um zu verhindern, dass die Spieler ihre Grenzen überschreiten, droht bei einem Blackout die Disqualifikation des Teams. Um hundertprozentig sicher zu gehen, befinden sich während des Spiels Sicherungstaucher im Wasser, die wie der Schiedsrichter mit Sauerstoffflaschen ausgestattet sind. Auf dem Eis stehen zudem ein Tauchmediziner sowie eine Aufwärmkammer bereit. "Dadurch wird das Risiko sehr kalkulierbar", sagt von Heydebreck, der Vater von vier Kindern ist.
Wenn der Münchner, der nach eigenen Angaben schon mehrere Blackouts beim Apnoe-Tauchen erlebt hat, nicht gerade beim Unterwasser-Eishockey ist, trainiert er für das Zeit- und Tieftauchen. Mit 5:30 Minuten unter Wasser beziehungsweise 50 Meter Tiefe gehört er zu Deutschlands Elite. Und wenn er darauf keine Lust hat, spielt er zum Ausgleich Rugby unter Wasser natürlich.