Extremsurfen "Die Welle lässt einen raus - oder eben nicht"
Es gibt kein genaues Datum, der Tag ist ungewiss. Es kann schon morgen sein, vielleicht auch erst in ein paar Wochen - vielleicht gar nicht. Doch wenn sie kommen, die Wellen, die so hoch sind wie mehrstöckige Villen, wird Sebastian Steudtner vorbereitet sein.
Dann lässt er sich von einem Jetski auf die sich auftürmenden Wassermassen ziehen, die Hände fest am Seil, die Füße fixiert in zwei Schlaufen auf dem Surfbrett. So tief wie möglich, dort, wo die Welle bricht, lässt er los. Auf sich alleine gestellt, reitet der 22-Jährige die Monster-Welle, versucht, den Weg in den Tunnel, die Tube, zu finden, um an der Wasserwand entlang Schwünge zu ziehen, den über ihn hereinbrechenden Fluten zu entkommen und sich nicht von der Welle verschlucken zu lassen.
"Die Welle lässt einen raus oder eben nicht", sagt Steudtner.
Nur ein paar Sekunden wird dieses Schauspiel dauern, irgendwann in den ersten Monaten des Jahres, der Zeit der 20-Meter-Wellen vor Hawaii. Wenige atemberaubende Sekunden, für die der gebürtige Nürnberger im Sommer und Herbst zusammengerechnet 300 Tonnen Gewichte stemmte, 2500 Kilometer Fahrrad fuhr und 700 Kilometer durch Bayerns Norden lief. Ein paar unvergessliche Momente, für die er zur Schulung des Gleichgewichtes unablässig auf einem Seil balancierte oder im Tauchtraining insgesamt mehrere Stunden unter Wasser verbrachte.
"Towsurfen ist mein Leben", sagt Steudtner. Und meint das anders als viele, die seine Leidenschaft teilen. Towsurfer (engl.: to tow = abschleppen) sind die Extremsportler unter den Wellenreitern. Eine Spezies, die nach weitverbreiteter Ansicht große Gefahr mit einer relaxten Lebensart paart - die tagsüber dem Tod und nachts einer schönen Frau ins Auge blickt.
Auch die Biografie des Erfinders der Disziplin stützt diese These. Laird Hamilton wuchs als Sohn einer Surferin auf Hawaii auf, wo er am Strand seinen späteren Adoptiv-Vater, den ebenfalls als Surf-Legende gefeierten Bill Hamilton, kennengelernt haben soll. Der nahm ihn auf seinen Schultern mit in die Wellen - zum Dank stellte ihm Laird seiner Mutter vor. Inzwischen ist er selbst in zweiter Ehe mit einem Ex-Model verheiratet, hat zwei Kinder von zwei verschiedenen Frauen und sieht mit seinen 43 Jahren immer noch aus wie ein Schauspieler aus der Beck's-Werbung.
Hamilton war der Erste, der die extrem gefährliche Welle von Teahupoo vor der Küste Tahitis ritt. Wer dort von den gewaltigen Wassermassen, die sich über 20 Meter hoch aufstauen können, in Surfersprache "gewaschen" wird, geht "mindestens mit einer Schnittwunde" nach Hause, wie Steudtner erstaunlich emotionslos erwähnt. Die Internet-Enzyklopädie Wikipedia wird deutlicher: "Wer hier vom Board fällt, bezahlt dies mit einiger Sicherheit mit seinem Leben." Denn gerade einen halben Meter unter der Wasseroberfläche wartet ein Riff auf die stürzenden Surfer. Der Fotograf und Hobby-Surfer Tim McKenna verriet im Interview mit SPIEGEL ONLINE: "Es ist erstaunlich, dass nicht mehr passiert."
Besonders gefährlich ist der Moment, nachdem die Welle über den Surfer hereingebrochen ist. Oft wird er dann bis zu einer Minute unter Wasser gedrückt. "Das Wichtigste ist, die Ruhe zu behalten und nicht in Panik auszubrechen", sagt Steudtner. Surfer absolvieren ihr Tauchtraining aus diesem Grund auch mit stark erhöhtem Puls, um auf diese Situation vorbereitet zu sein. Wer unter Wasser das Bewusstsein verliert, sei es durch Atemnot oder einen Aufprall auf dem Riff, "dem kann auch durch die Jetskifahrer nicht geholfen werden", so Steudtner.
Über Verletzungen, auch solche mit Todesfolge, wird viel geschrieben auf den Internetseiten der Towsurfer. Extrem-Wellenreiter lassen sich problemlos als todesmutige Naturburschen vermarkten. Steudtner wehrt sich jedoch gegen das Image des Beachboys, der mit einem Lächeln im Gesicht gegen die Wassermassen kämpft. "Dieses Bild geht gar nicht", sagt er. Es ist das einzige Thema, bei dem er etwas lauter wird.
Über die Risiken redet er weitaus gelassener. "Es gibt keine Welle, die zu gefährlich ist", sagt er. Auch wenn er selbst mehrere Verletzungen hinter sich hat und auf den ersten Blick mit seinen kurzen blonden Haaren und dem trainierten Körper optisch auch als Sonnyboy durchgehen würde - der Deutsch-Österreicher sieht sich, seit er mit 17 den Highschool-Abschluss auf Hawaii gemacht hat, in erster Linie als Profisportler. Vielleicht auch schon, seit er mit 13 zu surfen begonnen hat. Es wäre ihm zuzutrauen.
Große Ziele - Surf-Weltmeister und Filmproduzent
Steudtner gehört zur "neuen Generation" der Towsurfer, wie er selbst sagt. Manchmal merkt er, dass seine Sportart noch gar nicht so weit ist wie er selbst. "Im Moment ist es noch zu früh, anderen Athleten mehr Professionalität nahe zu legen", sagt er. Steudtner will jedoch nicht warten: Er geht seinen kompromisslosen Weg weiter.
Ob im Sommer in Nürnberg oder im Winter, den er regelmäßig auf den Inseln im Pazifik verbringt, das Training bestimmt nicht nur den Tag. Es ist der Tag: In Deutschland pendelt er zwischen einer Schulturnhalle und einem schnöden Hallenbad, auf Hawaii verdient er, wenn es das Training zulässt, nebenher noch als Poolbauer das Geld, das er noch nicht durch Sponsoren aufbringen kann. Er ist der arbeitende Deutsche unter den lässigen Künstlern auf Hawaii. Selbst wenn er sagt, dass ihn an den Wellen "die Unnatürlichkeit des Natürlichen" begeistere, dass es so was doch eigentlich gar nicht geben könne, klingt er abgeklärt. Als könne er es natürlich doch verstehen.
Schon sehr früh hat sich Steudtner seine persönlichen Ziele gesetzt, seither verfolgt er sie akribisch. "Ich will die athletische Performance des Sports noch verbessern, meine körperlichen Potentiale ausreizen, um Surf-Weltmeister zu werden", so Steudtner. Dafür steht er sechsmal die Woche um 6 Uhr auf.
Ein erster wichtiger Schritt ist die Qualifikation für den Weltcup 2008, die er nun auf Hawaii schaffen will. Steudtner ist zwar angekommen in der Szene, die hawaiianischen Surfer haben den einzigen Deutschen in ihre Mitte genommen - ganz oben ist er trotzdem noch nicht. Auch wenn Garrett McNamara, einer der Helden der Szene, lobt: "Sebastian ist wirklich gut." Und Kollege Nelson Armitage Sr. ergänzt: "Er ist der talentierteste, der je aus Europa kam." Die Chancen stehen jedenfalls gut, dass das Talent dabei ist, wenn die größten Surfer die wenigen Orte bereisen, an denen sich geeignete Wellen finden. Neben Hawaii vor allem Tahiti und Mexiko.
Für Steudtner ist die Teilnahme am Weltcup, für den sich die weltweit 24 besten Teams aus Surfer und Jetski-Fahrer qualifizieren, in erster Linie ein sportliches Ziel. "Ich baue nicht darauf, mit dem Weltcup mein Geld zu verdienen", sagt er. Finanziell sind für die Surfer Sponsorenverträge mit Hilfe spektakulärer Videos und Bilder interessanter. Nebenbei arbeitet Steudtner mit einer Produktionsfirma deshalb auch an einem Filmprojekt. Dafür hat er mehrere Jahre veranschlagt, er weiß, dass es erst einmal andere Ziele zu erreichen gibt.
So wird er in dem kommenden Monaten öfter seine Zeit im Internet verbringen, wo die Wetterstation der US-Weltraumbehörde Nasa verlässliche Voraussagen über Stürme veröffentlicht, aus denen sich Wellenbewegungen herauslesen lassen. So lange alles ruhig bleibt, wird er sich von seinem Partner auf dem Jetski mit bis zu hundert Stundenkilometern über das zu flache Wasser ziehen lassen, um das Gefühl für die Geschwindigkeit zu bekommen. Er wird sich fit halten, mit Gleichgewichts-, Kraft- und Ausdauertraining.
Doch in erster Linie wird er warten - auf Jaws, oder Peahi, wie die Hawaiianer die Welle nennen, die mit der Mavericks vor Kalifornien und der Teahupoo vor Tahiti zu den drei anspruchsvollsten der Welt gehört. Und wenn sie kommt, wird er vorbereitet sein. Er wird sie erwarten, draußen auf dem Meer.