Fall Baumann Heftige Spekulationen vor IAAF-Entscheidung
Stuttgart - Clemens Prokop, DLV-Vizepräsident und Mitglied der Anti-Doping-Kommission, rechnet mit einer "heftigen und erregten Diskussion" bei der Sitzung des höchsten Gremiums des Leichtathletik-Weltverbandes: Der IAAF-Council muss am Mittwoch auf Antrag der Anti-Doping-Kommission über eine mögliche Suspendierung von Dieter Baumann entscheiden. Der Rechtsausschuss des Deutschen Leichtathletik-Verbandes DLV hatte in einer umstrittenen Entscheidung den Langstreckenläufer trotz zweier positiver Proben vom Dopingverdacht freigesprochen und ihm so die Olympiateilnahme ermöglicht.
Die fünfköpfige Anti-Doping-Kommission hatte den Freispruch nicht akzeptiert. Bei der schriftlichen Abstimmung hatte sich das deutsche Mitglied Prokop enthalten. "Ich persönlich traue mir schon zu, neutral zu entscheiden. Aber ich möchte nicht den Eindruck erwecken, dass hier jemand Befangenes mitmischen möchte", hatte Prokop seine Zurückhaltung begründet.
Sollte der IAAF-Council dem Antrag der Kommission folgen und das Arbitration Panel (Schiedsgericht) des Weltverbandes anrufen, würde Baumann nach den derzeit geltenden Regeln suspendiert und wäre auf dem Weg zu seiner vierten Olympia-Teilnahme erst einmal gestoppt. Denn das Schiedsgericht tagt erst nach Sydney. Theoretisch könnte der Langstreckenläufer dann noch versuchen, sein Startrecht vor einem australischen Gericht zu erzwingen. Sollte ihm dies gelingen, sind seine Medaillen immer noch nicht sicher: Wenn ihn das Arbitration Panel nach Sydney sperren würde, müssten Baumanns Olympia-Ergebnisse im nachhinein aberkannt werden.
Der Council könnte auch - wie die Anti-Doping-Kommission - nicht nur Formfehler prüfen, sondern grundsätzliche Bedenken äußern - was die Chancen für Baumann verringern würde. DLV-Präsident Digel hofft, dass es nicht so kommt. "Bisher hat die IAAF nur eingegriffen, wenn sie Verfahrensfehler ausgemacht hat. Der DLV hat im Fall Baumann aber alle Regeln eingehalten, wie es uns das Oberlandesgericht Frankfurt ja bestätigt hat", betonte Digel, der selbst Mitglied des höchsten IAAF-Gremiums ist, und verwies darauf, dass der Verband nicht für Laborfehler verantwortlich sei.
Auch Digel erwartet eine "schwierige Verhandlung". Entscheidend werde vor allem sein, ob die IAAF seine erst im Februar beschlossene Regel 59.2 anwende. Demnach wird ein Athlet, dessen Fall an das Schiedsgericht weitergeleitet wird, automatisch suspendiert. Im vergangenen Jahr, als bei Baumann die positiven Proben genommen wurden, galt dieser Paragraph noch nicht. Eine rückwirkende Anwendung hält zumindest Prokop "für falsch".