Fall Mühlegg Leben in der Hölle
Madrid - Spaniens Wintersportler sind nach dem Dopingskandal um den Deutsch-Spanier Johann Mühlegg von ihrem Teamkameraden abgerückt. "Wer sich gedopt hat, weiß genau, was er getan hat", sagte die spanische Slalomläuferin María José Rienda nach der Rückkehr aus Salt Lake City, "ich habe nicht besonders viel Mitleid." Rienda hatte auf der Schlussfeier der Winterspiele die spanische Flagge ins Stadion getragen. Eigentlich war Mühlegg dafür vorgesehen gewesen. Auch die Riesenslalom-Läuferin Ana Galindo ging mit dem Allgäuer hart ins Gericht: "Er hat gemogelt, da ist es logisch, dass er bestraft wird. Mühlegg hat den Ruf des spanischen Skisports beschmutzt. Seine Medaillen sind jetzt kaum noch etwas wert."
Jeglichen Anspruch verloren
Doch nicht nur von den Kollegen wird Mühlegg geächtet, auch von den Sponsoren weht ihm Gegenwind ins Gesicht. "Nach diesen Vorfällen verliert er jeglichen Anspruch", erklärte Agustin Alcaraz, Sportdezernent der autonomen Region Murcia, in der Mühlegg offiziell seinen Wohnort hat. Die für dieses Jahr vorgesehene "Finanzspritze" von 9000 Euro wurde Mühlegg bereits gestrichen. Weit mehr schmerzen dürfte den 31-Jährigen, der als weltweit erster Athlet des Blutdopings mit dem Mittel Darbepoetin überführt wurde, die Vertragskündigung seines norwegischen Sponsors Swix. Firmen-Sprecherin Inge Kjetil bestätigte die sofortige Auflösung des Kontrakts. Über die Höhe der bisherigen Förderung machte das Unternehmen keine Angaben.
Spaniens Langlauf-Trainer Carlo Petrini erwartet, dass der Mühlegg für zwei Jahre gesperrt wird. "Das ist das Ende seiner Karriere", so der Italiener, dem Mühlegg einst "mafiose Machenschaften" vorgeworfen hatte. "Mühlegg hätte, wenn er sauber gewesen wäre, ohne weiteres eine Goldmedaille gewinnen können. Aber es
mussten unbedingt drei sein. Mühlegg war darauf aus, Geld zu machen und in die Geschichte einzugehen."
"Ein Komplott gegen meinen Bruder"
Während Mühlegg sich nach seiner Ankunft am Dienstag in seiner Heimat im Allgäu verschanzt hat, brach sein Bruder Martin am Mittwoch erstmals das Schweigen. "Es handelt sich um ein Komplott gegen
meinen Bruder. Irgendjemand wollte ihn absägen", sagte er und stellte somit nebulöse Verschwörungstheorien in den Raum. Der Epo-Experte Kai-Uwe Eckardt hatte indes bereits klargestellt, dass Darbepoetin nur gespritzt werden könne und nicht, wie von Mühlegg behauptet, Folge der unfreiwilligen Einnahme über
Nahrungsergänzungsmittel oder einer Erhöhung der Werte nach einer Diät sei.
Kein Wunder, dass die spanische Presse mit dem vor kurzem noch als "König der Loipe" gefeierten Langläufer inzwischen hart ins Gericht geht. "Für Juanito wird das Leben langsam zur Hölle", schrieb die Tageszeitung "Marca". Und "AS" spekulierte bereits: "Man weiß nicht, ob Mühlegg überhaupt noch mal nach Spanien zurückkommen wird." König Juan Carlos hat eine geplante Einladung für Mühlegg, der bislang seine beiden
Goldmedaillen über 30 Kilometer Freistil und im Verfolgungsrennen behalten darf, ohne Angabe von Gründen abgesagt.
Absolutes Chaos im Verband
Carlos Salvadores, Technischer Direktor im spanischen Wintersportverband (Fedi), kündigte bereits seinen Rücktritt an. "Ich konnte meine Projekte nicht durchziehen", begründete Salvadores offiziell seine Maßnahme. Ob der Rücktritt auch mit Mühleggs Dopingskandal in Verbindung steht, ist nicht geklärt. Nach der Demission herrsche im Verband nun "eine Situation des absoluten Chaos", berichtete die staatliche Nachrichtenagentur Efe. Der Fedi ist seit Juli 2001 ohne Präsidenten. Damals hatte Luis Algar, der die Einbürgerung Mühleggs eingeleitet hatte, sein Amt niedergelegt.
Spaniens Bildungs- und Sportministerin Pilar del Castillo forderte die Sportverbände auf, bei den Dopingkontrollen strenger vorzugehen. Nur so könne verhindert werden, dass sich ein Fall wie der von
Mühlegg wiederhole. Der Chefarzt des spanischen Olympiateams, Benjamín Fernández, betonte, er habe mit dem Dopingfall nichts zu tun. "Es ist möglich, dass Mühlegg sich das Dopingmittel Darbepoetin über das Internet besorgte", sagte er.