Fall Sinkewitz "Der braucht Intelligenz- statt Urintests"
Der Tag danach läuft gar nicht so schlecht für T-Mobile. Der Luxemburger Kim Kirchen, Linus Gerdemann und Marcus Burghardt kommen in Montpellier mit der ersten Gruppe ins Ziel und machen Zeit und Plätze in der Gesamtwertung gut.
Aber das interessiert ein paar hundert Meter weiter natürlich keinen mehr. Da wartet nur ein Thema: Patrik Sinkewitz.
Linus Gerdemann (li.) während der 10. Etappe: Häme und Sticheleien
Foto: Getty ImagesDessen Freund und Zimmerkollege Burghardt hat es mittlerweile aufgegeben, noch einen Kommentar abzugeben: "Wir werden nach dem Rennen mal ein klärendes Gespräch unter Freunden führen. Ich möchte nichts über ihn sagen, seine Situation ist schon schlimm genug." Vor der Etappe hatte Burghardt sich deutlicher über die Folgen des positiven Dopingtests geäußert: "Ich habe Angst um meinen Job. Das bekommt man auch beim Rennen nicht aus dem Kopf."
Andere wurden deutlicher. Hans-Michael Holczer, Teamchef von Gerolsteiner, befindet sich ohnehin in einer Art permanentem Wutausbruch und erwog vor dem Start der 11. Etappe, "persönlich gegen Sinkewitz zu klagen. Die Zeit ist vorbei, dass wir wegen solcher Leute Prügel einstecken müssen".
Sein Milram-Kollege Gerry van Gerwen befand sarkastisch, "dass Sinkewitz keinen Urin-, sondern einen Intelligenztest" benötigt. Van Gerwen hofft, "dass T-Mobile bei seinem Programm bleibt. Das wurde jetzt doch nur bestätigt".
"Sehr schade, dass es so lange gedauert hat"
Mit Kritik an T-Mobile und Teamchef Bob Stapleton hielten sich die anderen Rennställe zurück. Doch zwischen den Zeilen war bei einigen durchaus Häme herauszuhören. Marc Sergeant von Predictor-Lotto sagte "L'Équipe": "Ich merke an, dass T-Mobile zu jenen Teams gehört, die sich in London vor dem Start abgespalten haben. Und jetzt ist ausgerechnet einer ihrer Fahrer verwickelt. Das Problem dauert an, das ist bedauerlich." Eine Anspielung darauf, dass T-Mobile mit Gerolsteiner und sechs französischen Teams eine eigene Gruppe innerhalb der Vereinigung der Profiteams bildet - aus Verärgerung über die Ignoranz vieler Rennställe gegenüber Doping.
Die Franzosen zeigten sich entsprechend solidarisch mit T-Mobile. Crédit-Agricole-Chef Roger Legeay sagte, er fürchte, dass "die ganze Arbeit von Bob Stapleton ruiniert wird". Der Ärger vieler Teamleiter richtet sich gegen die Nationale Anti-Doping-Agentur (Nada) und gegen ARD und ZDF. Patrick Lefévère von Quickstep hält es für "sehr schade, dass es so lange gedauert hat, bis das Ergebnis eines Tests vom 8. Juni bekannt gemacht wurde". Den Ausstieg der deutschen Fernsehanstalten nennt er "reine Heuchelei".
Cofidis-Leiter Eric Boyer findet den Ausstieg von ARD und ZDF "nicht die beste Lösung, und es ist besonders bitter für einen Fahrer wie Linus Gerdemann. Ich mag mich irren, aber wie Gerdemann das Gelbe Trikot getragen hat - das wirkte, als ob er sauber sei".
"Warum bestraft man uns dafür, dass wir uns engagieren?"
Der Chef des Tourveranstalters Amaury Sport Organisation (Aso), Patrick Clerc, wetterte in der "L' Équipe": "Ich glaube, dass diese Entscheidung aus einem Gefühl heraus getroffen wurde. Aber die Haltung ist unverständlich. Warum bestraft man uns dafür, dass wir uns engagieren, um den Sport zu reinigen? Würden sie es begrüßen, wenn es keine unangemeldeten Kontrollen gäbe? Wenn es keine positiven Tests mehr gäbe?"
Astana-Sportchef Mario Kummer, einst bei T-Mobile beschäftigt, sagte dazu nur: "Ich habe dem nichts hinzuzufügen." Sein Vorgesetzter, der Schweizer Marc Biver, fügte trotzdem etwas hinzu. Der Astana-Chef griff T-Mobiles Strategie an, sich als Anti-Doping-Kämpfer zu gerieren: "Ich finde es gefährlich, eine Kampagne auf die Aussage zu stützen, man sei sauberer als die anderen." Dass T-Mobile jetzt Probleme hat, kommt dem oft kritisierten Astana-Rennstall entgegen.
Auch andere frohlocken - allerdings anonym. Der Manager eines spanischen Teams, der nicht namentlich zitiert werden will, befand angesichts des neugierigen Journalisten aus Deutschland: "Dass Ihr Deutschen immer meint, alles sofort besser machen zu können. Aber Euch fehlt die Erfahrung im Radsport, Ihr habt zu wenig Tradition". Ein spanischer Reporter, der diese Sätze übersetzt, macht deutlich, dass er die Haltung seines Landsmannes uneingeschränkt teilt.
Von solchen Anwürfen will T-Mobile-Teamchef Stapleton nichts wissen. Er ahnt wohl sehr genau, wie die Stimmung in den anderen Teams ist. Stapleton hatte als Anekdote schon gestern von einem anderen Teamchef erzählt, der nach Bekanntwerden des Falls Sinkewitz sofort zu ihm gekommen sei "und mir Glück gewünscht" habe. Auf die Nachfrage einer US-Journalistin, ob diese Haltung denn repräsentativ sei, grinste Stapleton und erwiderte: "Ich habe von einem Teamleiter gesprochen."
Lachen können sie noch bei T-Mobile.
Vielleicht sogar über jene Karikatur von heute, die einen Fahrer zeigt, den die Nadel einer großen, mit magentafarbener Flüssigkeit gefüllten Spritze zu Boden zwingt. Vor dem Gestrauchelten fährt das Feld davon und macht kollektiv "Uff": Noch mal davongekommen.