Fall Ullrich "Eine Katastrophe für Jan und das Team"
Luxemburg - Die Kündigung des bis 2003 laufenden Vertrages von Jan Ullrich durch die Telekom sei "eine Möglichkeit" der Reaktionen des Arbeitgebers auf den Dopingfall des Rad-Olympiasiegers. Das erklärte Teamchef Rudy Pevenage zwei Tage vor dem Start der 89. Tour de France in Luxemburg. "Es gibt bekanntlich diese Klauseln in den Fahrerverträgen, dass bei Dopingnachweis die fristlose Kündigung droht, aber wir müssen jetzt erst einmal abwarten und alle Umstände klären", sagte Pevenage.
Dagegen hüllt sich Jan Ullrich nach der Verkündung seines positiven Dopingbefundes in Schweigen. "Dazu kann ich jetzt kein einziges Wort sagen, weil jedes Wort zu viel sein könnte", erklärte der Merdinger dem Sport-Informations-Dienst (sid). Bei einer unangemeldeten Trainingskontrolle in der Reha-Klinik Bad Wiessee war Ullrich positiv auf das Aufputschmittel Amphetamin getestet worden. Das Ergebnis der B-Probe soll am Freitag um Mitternacht vorliegen.
Verhängnisvoller Disco-Besuch?
Hinter den Kulissen arbeiten indes die Ullrich-Anwälte auf Hochtouren, um eine Verteidigungslinie aufzubauen. Teamsprecher und Ex-Profi Olaf Ludwig erklärte: "Alle Beteiligten müssen sich zunächst
zusammensetzen, bevor wir sagen können, wie es weitergeht und welche möglichen Konsequenzen es geben wird." Ullrich-Arzt Karlheinz Birnesser hatte gegenüber dem Nachrichtensender n-tv erklärt, sein
Patient könne sich den positiven Befund nicht erklären. Birnesser schloss nicht aus, dass der Radprofi bei einem Disco-Besuch oder auf einer Party Drogen genommen haben könnte.
Der Doping-Experte und Molekularbiologe Werner Franke meldete sich am Donnerstag im ARD-"Morgenmagazin" mit harter Kritik an den Dopingpraktiken im Radsport zu Wort. "Der Radsport ist mittlerweile so versaut. Dem kann dieser neue Fall nichts mehr anhaben", sagte Franke und sprach von einer "kriminellen Szene". Die Strafen seien so niedrig, dass sie niemanden abschrecken.
"Wie vor den Kopf gestoßen"
Dem neunköpfigen Tour-Team wurde die Nachricht über den Dopingfall ihres Kapitäns am Mittwochabend in einer Mannschaftssitzung mitgeteilt. Am Donnerstag starteten die Fahrer zu einer Trainingsfahrt, um die Strecke des Team-Zeitfahrens vom kommenden Mittwoch zu studieren und sich eventuell auch von den deprimierenden
Neuigkeiten abzulenken. Am Abend musste sich das Team zur obligatorischen Blutkontrolle bereit halten, der sich alle 189 Tourstarter vor dem Prolog am Samstag unterziehen müssen.
Telekom-Routinier Udo Bölts (Heltersberg) war am Mittwochabend doppelt geschockt. Zum einen wurde dem 36-Jährigen mitgeteilt, dass er nun doch keinen neuen Vertrag für 2003 erhalte, zum anderen erfuhr
er vom positiven Dopingbefund seines langjährigen Chefs, den er 1997 mit zum Toursieg geführt hatte. "Ich bin wie vor den Kopf gestoßen. Das ist eine Katastrophe für Jan und das Team." Die Mannschaft soll
für 2003, dem letzten Jahr der Bindung an den Sponsor Deutsche Telekom, verjüngt werden. Bisher wurden vier Fahrerverträge nicht verlängert.