Bayern München: Im Schatten des großen Bruders
Angriff der Bayern-Basketballer Die zweite Abteilung Attacke
Es sind die letzten Sekunden eines packenden Spiels, die zeigen, wie weit der Weg noch ist für die Basketballer des FC Bayern München. Sie sind gerade dabei, in Istanbul zu verlieren. Doch es ist nicht die Niederlage, die in diesem Moment den Unterschied deutlich macht zu den großen Brüdern, den Fußballern, die derzeit einen Rekord nach dem anderen einsammeln. Es sind die Galatasaray-Fans, 10.500 an der Zahl, und sie skandieren: "Dortmund, Dortmund, Dortmund!"
Für die Bayern-Spieler ist es eine merkwürdige Situation. Sie haben stark gespielt, sie hatten Istanbul an den Rand einer Niederlage gebracht. Und doch richtet sich der Spott der türkischen Fans nur gegen die Fußballer, gegen jene Sportler also, die die Weltmarke FC Bayern geschaffen haben.
Das ist ungerecht, denn seit vier Jahren gibt es in München auch die Korbjäger. Und diese mischen ordentlich mit. Dank der Unterstützung von Uli Hoeneß, der die Sponsoren für die Basketball-Abteilung persönlich einsammelte, gelang ihnen zunächst der Aufstieg in die Bundesliga, seit dieser Saison sind sie auch international erfolgreich. Ausgerechnet in diese Zeit fiel das Steuerurteil gegen Hoeneß, noch ist nicht abzusehen, inwieweit das Basketball-Projekt darunter leiden wird.
Fest steht: Die Entscheidung des FC Bayern, in einer weiteren Sportart anzugreifen, hat den deutschen Basketball verändert. In der Vor-Bayern-Ära war die Liga geprägt von Turnhallenmief, Erfolge feierten vor allem Universitätsstädte wie Heidelberg und Werksclubs wie Bayer Leverkusen. Mitspielen konnte man bereits mit einem Etat von einer Million Euro. Das ist vorbei. Seit 2010 haben die meisten Teams ihr Budget verdoppelt, die Zuschauerzahlen steigen. Und mit einer Million Euro braucht man nicht mehr anzutreten.
Die Bayern sind das Projekt Basketball dabei so breitschultrig angegangen, wie man es aus dem Fußball kennt. Das inoffizielle Motto lautet: "Wenn wir mitmachen, wollen wir auch dominieren." Das Ziel ist die Meisterschaft - und mittelfristig sollen auch Titel auf europäischer Ebene her.
Der Einstieg der Bayern hat aber nicht nur eine Professionalisierung ausgelöst. Galt die Basketball-Bundesliga (BBL) bis vor kurzem noch als harmonische kleine Gemeinschaft, so herrschen mittlerweile raue Sitten: Die Top-Vereine werben Spieler ab, Bayern soll Alba Berlin für Nationalspieler Heiko Schaffartzik eine sechsstellige Ablöse gezahlt haben. Aus Ulm kam John Bryant, der beste Spieler der Vorsaison. Der Meister aus Bamberg zog nach: Ebenfalls für eine sechsstellige Ablösesumme verpflichteten die Brose Baskets den Bonner Aufbauspieler Jared Jordan. Besonders pikant war der Zeitpunkt des Wechsels mitten in der Saison.
Dazu kommen Attacken über Boulevardmedien - vor allem die Bayern und Alba Berlin, der ehemalige Marktführer im deutschen Basketball, provozieren sich gegenseitig mit hämischen Kommentaren. Fast wirkt es, als fußballisiere sich der Basketball.
Streit über eine Fan-Aktion
Besonders deutlich wurde das durch ein blau-gelbes Trikot. Beim Hinspiel zwischen Alba und Bayern im November zeigten Berliner Fans ein Shirt ihres ehemaligen Lieblings Schaffartzik. Das Trikot hatten die Anhänger an einem Gestänge befestigt, das an ein Kreuz erinnerte. Auf dem Leibchen prangte der Schriftzug "Verkauft - kein Berliner". Bayerns Geschäftsführer Marko Pesic beschwerte sich massiv: Mit der Aktion habe Alba eine Grenze überschritten. Die Berliner konterten: Das Gestänge sei gar kein Kreuz, zudem habe Geschäftsführer Marco Baldi die Fans gebeten, das Trikot herunterzunehmen.
Noch heute, vier Monate später, lässt das Thema die Bayern nicht los. Hinter den Kulissen heißt es, die Verantwortlichen wollten die Sache nicht auf sich beruhen lassen. Man werde das Thema am Wochenende beim Treffen aller 18 Vereine erneut ansprechen. Der Vorwurf: Die Liga habe die Fan-Aktion nie wirklich untersucht.
Ein Liga-Sprecher weist das zurück: Der Sachverhalt sei "sehr intensiv analysiert worden und ist abgeschlossen". Man habe den Clubs mitgeteilt, dass es sich "unseres Erachtens nicht um ein Kreuz, sondern um eine laienhaft gefertigte Haltekonstruktion handelt". Alba-Sprecher Justus Strauven will zur "Kreuz"-Geschichte nichts mehr sagen, die Liga habe alles bewertet.
Wie damals Hoeneß gegen Lemke
Die Fehde zwischen Baldi und Pesic erinnert an alte Konflikte in der Fußball-Bundesliga. So inszenierte sich Bayerns Uli Hoeneß in den achtziger Jahren als "Abteilung Attacke". Auf der Gegenseite stand Werder Bremens Manager Willi Lemke, der erfolgreich die Position des Underdogs einnahm und gegen die mächtigen Bayern stichelte.
Den Vergleich will Pesic nicht akzeptieren: "Basketball ist nicht mit dem Fußball-Betrieb zu vergleichen, das sind zwei völlig verschiedene Dinge", sagt er. In der Rolle des Angreifers scheint sich der Bayern-Geschäftsführer dennoch wohlzufühlen. "Es ist meine Aufgabe, unseren Verein und seine handelnden Personen nicht in Klischees pressen zu lassen", sagt Pesic.
Bambergs Geschäftsführer Wolfgang Heyder sieht die Querelen zwischen Alba und Bayern gelassen. "Das gehört dazu", sagt er. "Wir brauchen die Bayern."
Am Wochenende trifft sein Team im Pokalhalbfinale auf Berlin. In der zweiten Partie spielt Gastgeber Ulm gegen Bayern. Das Ziel der Münchner ist klar: Sie wollen ihren ersten Titel gewinnen. Oder vielmehr: ihren ersten Titel seit 1968. Damals sicherte sich der FC Bayern schon einmal den DBB-Pokal. Doch das war noch vor den großen Erfolgen der Fußballer, die in den siebziger Jahren dreimal den Europapokal der Landesmeister gewannen. Aus diesem großen Schatten wollen die Basketballer nun den nächsten Schritt machen.