Fecht-WM: Regel-Revolution frustriert Athleten - DER SPIEGEL
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Fecht-WM Regel-Revolution frustriert Athleten

Eigentlich sollten die neuen Regeln mehr Zuschauer für den Fechtsport begeistern. Doch schon nach dem ersten Wochenende der Fecht-WM in Leipzig steht fest, dass die Verantwortlichen zu kurzfristig gedacht haben. Viele Top-Sportler sehen in den Neuerungen keineswegs Verbesserungen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Daniel Strigel nahm immer wieder die Maske vom Kopf, feuerte die Zuschauer an und schaute seinem Gegner Bas Verwijlen aus den Niederlanden tief in die Augen. Dennoch schied der Tauberbischofsheimer gestern als letzter deutscher Degenfechter im Achtelfinale der Fecht-Weltmeisterschaft in Leipzig (8. bis 15. Oktober) aus. Besser wollen es die deutschen Säbel-Herren machen, die heute um Medaillen kämpfen.

Sie müssen für einen tiefen Blick in die Augen des Gegners die Maske gar nicht mehr abnehmen, das Tragen der neuen Plexiglasmaske ist für sie erstmals Pflicht. "Schau mir in die Augen, Kleiner" lautet das Motto, anonyme Fechter hinter dunklen Gittermasken sollen der Vergangenheit angehören. Der neue Kopfschutz mit Plexiglaseinsatz ist nur eine von vielen Veränderungen, mit dem der Welt-Fechtverband FIE im wahrsten Sinne des Wortes für mehr Transparenz und somit mehr Zuspruch in seiner Sportart sorgen will.

Schon bei der vorigen Weltmeisterschaft 2003 auf Kuba lobte die FIE hohe Prämien für den bestplatzierten Fechter mit Plexiglas-Maske aus - trotzdem wählten nur wenige den kompletten Durchblick. Kurzerhand führte die FIE bei der WM in Leipzig die Plexiglaspflicht ein. Das käme dem Zuschauer zugute, er könne mit dem freien Blick ins Gesicht mehr Emotionen der Fechter wahrnehmen, lauten die Argumente - die Fechter sehen das allerdings anders.

"Der Zuschauer achtet beim Gefecht doch nicht auf die Augen", sagt Florettfechter Ralf Bißdorf, Olympiazweiter 2000, "für uns Fechter bringt die neue Maske sowieso keine Vorteile. Dafür wird es deutlich wärmer und das Glas beschlägt." Das beste Argument gegen die neuen Masken liefere die Pflicht: "Wenn etwas zwingend vorgeschrieben wird, ist das ein Indiz dafür, das die Neuerung von den Fechtern nicht akzeptiert wird", so Bißdorf.

Bei den Florettfechtern ist die Plexiglasmaske erst im nächsten Jahr bei Grand Prix-Turnieren Pflicht, dafür mussten sie sich schon in dieser Saison grundlegend umstellen. Um für deutlichere Treffer zu sorgen, wurden die Kontaktzeiten verlängert.

"Das war eine gehörige Umstellung"

Die blitzschnellen Wurfstöße, bei denen die Spitze bei durchgebogener Klinge auf die Schulter oder den Rücken des Gegners trifft, führen nun kaum noch zu Treffern. "Das war eine gehörige Umstellung", sagt Bißdorf, "mittlerweile haben sich alle darauf eingestellt. Die Gefechte sind nun taktischer und technischer geworden. Für Experten ist das sicherlich schöner anzuschauen." Allerdings fehle dem Florett laut Bißdorf jetzt Tempo und Dynamik: "Für den gewöhnlichen Zuschauer sind die Gefechte sicherlich nicht mehr so attraktiv, weil früher einfach mehr passiert ist."

Obmann Peter Roth aus Heidenheim, der bei der Weltmeisterschaft im Herren- und Damen-Florett in der Jury sitzt, erwartet, dass bald wieder ein Umdenken einsetzt: "Für uns als Obleute ist es sicherlich einfacher geworden, weil es nicht mehr so viele enge Lampenabstände gibt und einfach klarere Treffer fallen", so Roths Einschätzung. "Ich glaube aber auch, dass die Kontaktzeit bald noch mal verändert wird, weil mittlerweile zu oft gar keine Treffer mehr angezeigt werden, weil die Spitze in der Kontaktzeit leicht verrutscht und die Zeit dann von vorne gezählt wird."

Bißdorf mahnt dazu, bei den Neuerungen nicht den Überblick zu verlieren: "Vieles ist einfach zu kurz gedacht. Es geht um den Fechtsport als Ganzes, deshalb sollte man den Weitblick bewahren." Die Versuche, den Fechtsport für die Zuschauer attraktiver zu machen, reißen nicht ab. Anfang September wurden beim Degen-Mannschafts-Turnier in Hamburg die Gefechte über Kopfhörer erläutert, jeder Treffer flimmerte in Zeitlupe über die Leinwand.

Bei den Rahmenbedingungen in Leipzig halten sich die Beschwerden der Fechter und Zuschauer sicherlich in Grenzen. Dank eines "Centre Courts" in der Arena Leipzig und bunten statt grauen Bahnen ist Stimmung und Überblick garantiert, auf der Videoleinwand kommen die Fechter auch in Zeitlupe groß heraus. Wer nicht in Leipzig weilt, kann sich auch im Internet über die Gefechte informieren, sie werden dort in Echtzeit übertragen.

Allerdings nützt das wenig, wenn am Sonntagmorgen ohne Hinweis des Hallensprechers zwei deutsche Degen-Herren und der mehrfache Weltmeister Pavel Kolobkov gleichzeitig ihre K.o.-Gefechte auf den Nebenbahnen austragen. Die Transparenz hat eben noch nicht alle Bereiche des Fechtsports erfasst - trotz der durchsichtigen Masken.