Sieg gegen Federer: Der Tsonga-Tanz
Federer-Bezwinger Tsonga Der mit den Daumen tanzt
Hamburg/London - Jo-Wilfried Tsonga konnte sein Glück nicht fassen. Nach drei Stunden und acht Minuten brach der Franzose auf dem Center Court von Wimbledon zusammen und sackte zu Boden. Nicht etwa vor Erschöpfung - sondern vor Freude. Denn der 26-Jährige hatte nicht nur Roger Federer im Viertelfinale des bedeutendsten Tennis-Turnieres der Welt 6:3, 7:6 (7:3), 4:6, 4:6, 4:6 geschlagen. Er hatte auch ein Stück Tennisgeschichte geschrieben.
0:2 lag Tsonga gegen den Favoriten aus der Schweiz nach Sätzen zurück. Alles sah nach einem Pflichtsieg von Federer aus. Doch Tsonga gelang als erstem Tennis-Spieler bei einem Grand-Slam das Kunststück, nach so einem Rückstand gegen Federer am Ende doch noch zu gewinnen. Nur der Australier Lleyton Hewitt im Davis Cup und der Argentinier David Nalbandian im Masters Cup hatten es bisher geschafft, den Schweizer nach einem 0:2-Satzrückstand zu besiegen.
Schnell rappelte sich Tsonga nach dem Triumph wieder auf, umarmte den Unterlegenen am Netz freundschaftlich, um dann beide Daumen in die Höhe zu recken und seinen Tsonga-Tanz aufzuführen. Federer verfolgte die Tanzeinlage mit der gebotenen Distanz. Und einem Gesichtsausdruck, als hätte man ihn bei seiner eigenen Party vor die Tür gesetzt. Dass er am Ende nicht feiern durfte, schien er selbst nicht so recht fassen zu können.
Federer: "Ich hatte meine Chance"
Schließlich hatte der Weltranglisten-Dritte den ersten Satz noch klar 6:3 für sich entschieden. Auch der zweite Satz ließ wenig Zweifel daran, dass Federer den Halbfinal-Einzug perfekt machen könnte. Beim Stand von 6:6 ging es in den Tie Break, den Federer locker 7:3 gewann. "Ich hatte meine Chancen. Deshalb ist die Niederlage hart", sagte der 29-Jährige. "Das ist ein komisches Gefühl", gab er zu.
Nach dem ersten Schock fing sich der Schweizer schnell wieder. Zumal sich Federer wenig vorzuwerfen hatte. Mit 75 Prozent brachte er mehr erste Aufschläge durch, als sein Gegenüber (70 Prozent). Bei den sogenannten "unerzwungenen Fehlern" war Federers Quote sogar noch eindrucksvoller. Elf solcher Fehler unterliefen Federer, Tsonga brachte es auf 22. Doch in der entscheidenden Statistik lag der Franzose vorne: Mit 3:1 Breakbällen gelangen ihm die "Big Points" an diesem Nachmittag.
"Jo hat ein tolles Match gespielt. Er war phantastisch", sagte Federer. Er selbst habe ebenfalls stark gespielt und den Kampf auf dem Center Court genossen. "Tsongas Spiel war erst gut, dann großartig", kommentierte der dreimalige Wimbledon-Sieger Boris Becker. Auch Tsonga wusste nicht, wie ihm geschah. "Es war einfach unglaublich da draußen. Ich habe unglaublich gespielt, alles ging rein", sagte der 26-Jährige.
Und fast schien es dem Weltranglisten-19., der 2010 im Viertelfinale gescheitert war, ein bisschen peinlich zu sein, ausgerechnet den großen Federer auf dessen Lieblings-Court besiegt zu haben. "Das ist verrückt, er ist der größte Champion in meinem Sport, er hat so viel erreicht. Er ist der beste Spieler der Welt, und ich bin einfach so glücklich, dass ich gegen ihn gewonnen habe, besonders auf Rasen."
Tanzeinlage auch nach dem Halbfinale gegen Djokovic?
Gut möglich, dass der Center Court bald wieder zur Tanzfläche wird. Denn der Trend geht zum Hüftschwung nach dem Schlagabtausch. Neben Tsonga feiert sonst auch Andrea Petkovic ihre Siege mit einer Tanzeinlage, dem "Petko-Dance." Doch für die Deutsche war in Wimbledon bereits in der dritten Runde gegen die Russin Xenia Perwak Schluss.
Tsonga will wenn möglich bis zum Finale am Sonntag weitertanzen. Doch dazu muss er am Freitag (Liveticker SPIEGEL ONLINE) zunächst eine schwierige Aufgabe lösen. Tsonga bekommt es mit Novak Djokovic zu tun, jenem Mann, gegen den er 2008 bei den Australian Open sein bislang einziges Endspiel bei einem Grand Slam verloren hatte.
Der Weltranglistenzweite hatte sich zuvor in 2:41 Stunden mit 6:2, 3:6, 6:3, 7:5 gegen den 18 Jahre alten Australier Bernard Tomic durchgesetzt. Bei seiner zweiten Halbfinal-Teilnahme in Wimbledon vor einem Jahr war Djokovic in drei Sätzen an Tomas Berdych aus Tschechien gescheitert.
Im zweiten Halbfinale stehen sich Andy Murray und Rafael Nadal gegenüber. Der Schotte Murray zog am Mittwochabend durch den klaren 6:3, 6:4, 6:4-Erfolg über den Spanier Feliciano López zum dritten Mal in Serie ins Halbfinale von Wimbledon ein. Rafael Nadal bezwang den Amerikaner Mardy Fish 6:3, 6:3, 5:7 und 6:4.