Flush Hour: Als Australien unterging - DER SPIEGEL
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Flush Hour Als Australien unterging

Was für ein Debakel: Erst verlor das australische Fußballteam 0:4 gegen Deutschland, dann wiederholte sich das Drama auch noch am Pokertisch. Lasse König gab den Jogi Löw - und startete so sein ganz persönliches südafrikanisches Wintermärchen.
Geschlagene australische Fußballer: 0:4 beim Fußball, 0:1 beim Poker
Geschlagene australische Fußballer: 0:4 beim Fußball, 0:1 beim Poker

Geschlagene australische Fußballer: 0:4 beim Fußball, 0:1 beim Poker

Foto: Doug Pensinger/ Getty Images
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Bald ist wieder Bundesliga. Nur noch eine Woche. Es wird tolle Stimmung geben, viele Tore und professionelle Schiedsrichter. Hoffentlich. Es ist die gleiche Hoffnung wie vor der WM, damals gab es dann leider Pfeifen mit Trillerpfeifen, nicht so viele Tore und dafür viel: Trööööööt. (Sollte der eine oder andere immer noch im "Schlaaand"-Rausch sein: Die WM fand in Südafrika statt. Trööööööt machten die Vuvuzelas. Weltmeister wurde Spanien.)

Mir ging es mit dem Pokern in Südafrika wie jetzt mit der Bundesliga. Die Hoffnung war groß.

Sandton, Johannesburg, ein kühler, südafrikanischer Winternachmittag. Das Montecasino hat einen schwarzen Himmel mit angemalten Sternen, es ist eine Illusion von Nacht. Und weil der Himmel eine Decke ist, ist es immer Nacht im Montecasino. Zwei Etagen, überall Restaurants, Barry-Manilow-Coverbands, Laternen. Das ganze wirkt beeindruckend und subtil zugleich - das Montecasino passt gut hierher. Es ist genauso anachronistisch wie das Land, in dem es steht.

Poker ist nicht wie Fußball - oder?

Als ich ins Montecasino gehe, ist die WM in ihrer Hochphase. Es ist eine Zeit, in der vom "neuen Deutschland" geschrieben wird und vom unfähigen Diego Maradona. Von 1:0-Spaniern und effizienten Holländern. Es ist die Zeit vor dem Halbfinale. Ich hoffe an diesem Tag auf jede Menge euphorisierte Spanien-Fans und betrunkene Oranjes, meinetwegen auch frustrierte Südafrikaner. Gute Voraussetzungen wären das fürs Cashgame, 5 Rand/ 10 Rand Blinds (0,50/1 Euro).

Ich setze mich an einen Tisch mit grünem Bezug und einem livrierten Dealer. Kein Spanier sitzt hier, kein Holländer, kein Argentinier. Stattdessen fünf Männer, die hebräisch sprechen und mich gleich mustern. Ein Australier, der Bier trinkt. Ein Araber, der ständig auf die Uhr sieht. Und ein junger Südafrikaner, dessen Locken turmhoch in die Luft ragen. Wie eine Perücke aus aufgegangenem Hefeteig. Ich habe ihn schon mal gesehen. Vielleicht in der Muppet-Show?

Es ist 15 Uhr. In den nächsten zehn Stunden werden alle den Tisch verlassen außer mir und dem Araber. Neue Menschen werden kommen, alte, junge, witzige, gar nicht so witzige, gute Spieler, schlechte Spieler - und sogar ein Spanier. Witzigerweise der schlechteste von allen. Poker mag wie das wahre Leben sein, Poker ist aber ganz sicher nicht wie Fußball.

Obwohl.

"Raise", sagt der Australier. Mit dem Wort fliegt auch Bierschaum aus seinem bartumwucherten Mund und senkt sich auf den Tischfilz wie Nieselregen. Wenn ein Australier "Raise" sagt, klingt es immer ein bisschen wie Rrreis. Was ist hier los, frage ich mich. Ich habe mich gerade hingesetzt und schon wird der Mann rechts neben mir aggressiv. Er schaut mich mit seinem Trinkergesicht an wie hinter Glas. Er stinkt. Er ist noch so jung. Ich habe Könige.

Die Hoffnung, dass nach einem Call aus zweiter Position für 50 Rand ein Reraise kommen könnte, erfüllt sich. Der Hefeteig entscheidet sich, im Big Blind auf 200 Rand zu erhöhen, der Australier geht mit. Ich auch.

Flop: 3 Pik, 8 Herz, 8 Karo.

Check vom Big Blind, der Aussie setzt 200 und atmet tief aus. Ein Zeichen oder muss es einfach raus? Ich bezahle, der junge Mann mit der Steckdosenfrisur wirft weg. Der Aussie schnauft. Sein Team hat 0:4 gegen Deutschland verloren, er fühlt sich gerade wie vor dem Spiel und ich wie danach.

Turn: 9 Karo.

300 vom Aussie. Ich setze ihn auf Ass-König, Ass-Dame, ich hoffe auf Damen oder Buben und schiebe meine restlichen 600 Rand in die Mitte. Er hat noch 250, sein feister Blick stiert auf die Chips. Er schnauft noch einmal und sagt dann "Call".

River: 9 Pik.

Ich drehe meine Könige um, er steht auf, wankt ein wenig und wirft dann seine Buben auf den Tisch. Die Israelis schauen mich verschwörerisch an, Hefeteig unterhält sich mit dem Araber über Uhren. Der Australier rülpst und stolpert hinaus. 1:0 für Deutschland.

In der nächsten Hand floppe ich eine Straße mit der Chance auf einen Royal Flush, in der übernächsten bekomme ich Damen. Doch es gibt niemanden mehr, der mit mir spielen will. Ich fühle mich wie einer dieser Außenseiter auf dem Schulhof früher. Ich beschließe, erst mal zu schmollen.

Lesen Sie nächste Woche im zweiten Teil: Ein geiziger Millionär will investieren, ein Spanier gibt ein kurzes Gastspiel, schweigsame Israelis werden munter - und Lasse König fühlt sich wie ein Weltmeister.

Das Video der Woche gibt es heute aus rechtlichen Erwägungen nur als Textlink . Sehenswert ist es aber allemal. Hauptpersonen sind Phil Hellmuth und Dave "Devilfish" Ulliott. Zwei der impulsivsten Pokerprofis überhaupt - hier liefern sie sich allerdings ein Duell, das mehr Slapstick ist als unfair. Ulliott versucht sich darin als Lügner, wird aber prompt überführt.

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