Flush Hour: Daddeln wie der Wackeldackel - DER SPIEGEL
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Flush Hour Daddeln wie der Wackeldackel

Usain Bolt isst Hühnchen-Nuggets und rennt Weltrekord - warum soll es nicht auch für Pokerspieler einfache Mittel und Wege geben, besser zu werden? Lasse König hat ein bisschen experimentiert. Können Bier oder Kaffee in rauen Mengen helfen? Oder muss womöglich Peter Zwegat ran?
Wackeldackel: Auf und nieder, immer wieder
Wackeldackel: Auf und nieder, immer wieder

Wackeldackel: Auf und nieder, immer wieder

Foto: ddp
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es sind ja schon einige Erfolgstrainer in Deutschland gescheitert. Kennt noch jemand Klaus Toppmöller? Die Älteren werden sich erinnern, dass der in Frankfurt zum Zwecke der Motivation einen Steinadler in der Kabine hielt. Der andere große Motivator war Christoph Daum. Erst ließ er seine Spieler über Glasscherben laufen, dann wäre er um ein Haar sogar Bundestrainer geworden.

Vielleicht ist es ein Problem, dass sich der ganze Psychokram irgendwann erschöpft. Was hätte Toppmöller nach dem Steinadler noch machen sollen? Ein paar Elefanten holen? Und wer einmal über Glasscherben gelaufen ist, der macht es danach nicht mehr unter Nagelbrett. Aber in Leverkusen wollten sie wohl lieber Meisterprofis als Fakire.

Der Fluch der Motivationspäpste setzte sich auch später fort. Jürgen Klinsmann nannten sie erst höhnisch den Guru, dann respektvoll. Bei der Sommermärchen-WM war sein ganzheitlicher Ansatz kurz en vogue - man hätte sich nicht gewundert, wenn Angela Merkel im Kabinett plötzlich eine Teampsychologin angestellt hätte. Aber dann? Klinsmann ist jetzt auch schon länger weg und mit ihm wohl endgültig der Glaube, dass jeder besser werden kann.

Mit ein paar kleinen Tricks.

Der Wunsch, besser zu werden, ist auch in mir tief drinnen verwurzelt. Vor allem aber der Wunsch, nicht so viel dafür tun zu müssen. Ich habe deshalb ein Experiment gestartet und viele legale kleine Tricks ausprobiert, um am Pokertisch besser zu werden. Oder sei es nur: ausdauernder. Glasscherben sind übrigens nicht dabei, und Steinadler waren gerade aus.

Kaffee (viel)

Kaffee ist ein Archetypus für so vieles: Geselligkeit, Aufwachen, Wachbleiben. Oma nimmt immer Kuchen dazu, der Yuppie Karamel-Aroma und Eiswürfel. Kaffee ist das Schwarze Gold, Kaffee gibt's sogar in Dosen. Kaffee ist überall, er ist wie Tabak, nur angeblich gesünder. Deshalb wird auch noch nicht über ein Kaffeeverbot nachgedacht. Es kommt wohl wie bei allem auf die Dosierung an.

Mein Kaffeetest fand bei einem Online-Turnier statt, das spät abends begann. Ich trank drei Espressi vor der ersten Hand, die Müdigkeit hatte sich schon wie ein leichter Schleier über mein Gesicht gelegt. Die Müdigkeit ging dann zwar weg, dafür kam der Herzschlag in Gang. Für einen tighten Spieler ist das so, als würde man einen Walker zwingen zu rennen. Es ist gegen seine Natur. Das Experiment war nach einer halben Stunde vorbei.

Fazit: Kaffee hält wach, ist in hohen Dosen aber nur für aggressive Spieler geeignet, die gern hyperaggressiv sein wollen.

Im zweiten Teil: Mehr Paare dank Bier. Und Phil Hellmuth anno '89 im Video

Bier

Bier spaltet die Gesellschaft. Bei den einen ist Bier verpönt, das Image von Bier ist dort ungefähr so schlecht wie das von Iran. Die Bierapologeten hingegen vergleichen das regelmäßige Biertrinken mit Pornogucken - jeder tue es, nur gebe es keiner zu. Und übrigens seien einige Biersorten isotonisch.

Bei der vergangenen Privatrunde stellte der "Neue" einen Kasten Bier für alle bereit. Vorher erklärte der rundliche Mann, er spiele besser mit Bier. Die Begründung klang einleuchtend: Er sehe einfach mehr Paare. Ich selber passte mich der zunehmend loosen Grundhaltung an und ging als Dritter vom Tisch. Der Neue kam ins Geld.

Bei mir hat Bier noch nie funktioniert. Bei einer Cashgame-Runde vor ein paar Monaten limpte ich nach vier Bier mit 8-10 suited in einen Family-Pot. Nach dem Flop 8-10-3 spielte ich hoch an und bekam immerhin einen Call. Turn und River brachten keine Gefahr, sodass alle meine Chips in der Mitte landeten. Der Caller zeigte 8-10, ich sagte: "Schade, Split Pot" und deckte meine Karten auf: 7-10.

Fazit: Bier verändert die Wahrnehmung, vor allem die aufs eigene Spiel. Macht außerdem müde und erfordert Kaffee (viel). Probleme siehe oben.

Ablenkung (online)

Wer hat sich nicht schon mal vorgenommen, in der frühen Turnierphase nur Premiumhände zu spielen? Ich mache das ständig. Nur leider funktioniert es nicht, weil nach fünf Minuten A-J suited auftaucht und mit dem Blatt auch der Glaube: Die Blinds sind ja noch niedrig. Kurze Zeit später sind zwanzig Prozent des Stacks weg. Mit der 300-Gramm-Tafel von Milka geht mir das übrigens immer genauso.

Die Lösung könnte Ablenkung sein. Der Versuchung keine Chance geben.

Online habe ich zunächst das Öffnen weiterer Browserfenster getestet. Nachrichtenseiten gelesen, in Pokerforen gestöbert. Nur das Onlinebanking hätte ich mir sparen sollen. Man sollte keinesfalls frustriert wieder ins Turnier zurückkehren!

Dann kam der Fernseher ins Spiel. Leider ging der Test total daneben.

  1. Fernsehen ist auch nicht mehr das, was es mal war.
  2. Mit einem Laptop auf dem Schoß wird der fernsehende Pokerspieler zum Wackeldackel.

Allerdings stellte ich in einem Fall durchaus einen Motivationsschub für das laufende Turnier und die Pokerkarriere überhaupt fest: Wer RTLs Chefsanierer Peter Zwegat ("Sie haben mich gerufen") beim Entschulden eines Privathaushalts zusieht, der will so auf keinen Fall enden.

Fazit: Das Öffnen weiterer Fenster kann ein probates Mittel sein, frühe Online-Turnierphasen unbeschadet zu überstehen. Fernseher meiden!

Lesen Sie nächste Woche den zweiten Teil des Experiments: Wie gefährlich Musik ist, was man mit Worten und Grimassen alles erreichen kann und warum Feindbilder seit jeher wunderbar funktionieren.

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