Flush Hour: Diagnose: Spieler - DER SPIEGEL
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Flush Hour Diagnose: Spieler

Drei Wochen musste Lasse König ohne Poker auskommen - die Entzugserscheinungen waren grausam. Lance Armstrong war plötzlich kein Radfahrer mehr, sondern eine Pokerhand. Später kamen die Alpträume. Kurzfristige Ersatzhandlungen waren immerhin erfolgreich.
Von Lasse König
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ich habe Angst. In meinen Alpträumen liege ich zitternd auf einer braunen Ledercouch, neben mir hockt eine grauhaarige Alte mit Hornbrille und einem karierten Notizblock. Das Zimmer muffelt nach Schweiß. Oder ist es die Alte? So muss sich James Caan in "Misery" gefühlt haben, kurz bevor ihm Kathy Bates den Fuß zertrümmert. Doch das hier ist nicht das Setting eines Horrorfilms. Es ist eine Suchtberatung nur für mich.

Nachdem ich ihr meine Geschichte erzählt habe, sagt die Alte: "Sie sind ein Spieler."

Chips beim Roulette: Belohnung für all die Strapazen

Chips beim Roulette: Belohnung für all die Strapazen

Foto: DENIS SINYAKOV/ REUTERS

Ich wollte eigentlich nur drei Wochen nach Frankreich fahren. Die Tour de France ist ja immer noch anziehend wie eine schöne Frau. Und auch wenn sie sich all die Jahre jede Menge ekelhaftes Zeug gespritzt hat, sieht sie immer noch recht gut aus. Wer kann sich schon dem Reiz des Mont Ventoux entziehen? Oder der Schönheit Vittels? Oder Paris? Zumal sich ja auch die Gelegenheit bot, Lance Armstrong endlich mal verlieren zu sehen. Es gab viele gute Gründe für die Reise.

Und ein Problem. Nur konnte ich die Größe des Problems vorher nicht abschätzen. Ein Raucher merkt ja auch erst, was ihm fehlt, wenn er plötzlich irgendwo in der Heide keine Zigaretten mehr hat. Und kein Geld. Die Sucht ist wie eine dieser Mietnomaden, vor denen sie jetzt die Vermieter warnen. Du wirst sie nur ganz schwer los, und wenn sie dann weg sind, hinterlassen sie ein Feld der Verwüstung. Das eigentliche Problem an Mietnomaden ist aber, dass man sie erstmal erkennen muss.

Bei mir dauerte es etwa eine Woche. Es ist nicht so, dass mir die Hände zitterten. Aber ich ertappte mich dabei, wie ich irgendwann begann, die Odds für einen Etappensieg von Thor Hushovd gegen Mark Cavendish auszurechnen. Das Ergebnis war beeindruckend, aber immer gewann am Ende Cavendish. Später in den Alpen wurde aus Cavendish dann Contador. Und aus Hushovd Armstrong. Der Arme. Odds sind wohl ohnehin überbewertet.

In einem Akt schonungsloser Selbstreflektion kam ich zum Schluss, dass es Armstrong und Hushovd noch gut hatten. Für sie waren Contador und Cavendish zwar überlegene Gegner, aber doch real. Für mich waren Contador und Cavendish Pokerhände. Nach einer Woche kam ein Journalist bei mir vorbei und fragte mich, ob Armstrong die Tour noch gewinnen könne. "Würdest du mit einem Bottom Pair nach dem Flop All in gehen gegen vier Gegner?", fragte ich ihn. Der Journalist guckte mich an wie eine Erscheinung und ging dann weiter. Was hatte er?

Ich war ein paar Tage zuvor umgeknickt, hatte eine Sprunggelenksprellung, musste eine Schiene tragen. Ein Taschendieb in Genf hatte mir mein Telefon geklaut. In Arcalis hatte ich meine Uhr verloren. Aber nichts schmerzte mehr als der Pokerentzug. Ich spiele ja nur noch selten im Internet (aber vielleicht bald gegen Boris Becker und Reiner Calmund; mehr dazu bald). Meine Strategie ist es stattdessen, live so viel Erfahrung wie möglich zu sammeln. Ich hatte gerade damit angefangen, dann kam die Frankreich-Reise. Wer kennt das nicht? Man geht total motiviert zwei Wochen lang ins Fitnessstudio und macht dann drei Wochen Urlaub beim Schweinebauern.

Die Tour de France wurde zum Kloster für den Poker-Süchtigen. Keine legalen Pokerclubs (bis auf den Aviation Club de France in Paris, aber der nimmt 100 Euro Aufnahmegebühr - zuviel für einen Abend). Keine Freunde, nicht mal Bekannte. Aber weil ein Pokersüchtiger auch nur ein Spieler ist, gab es Roulette Anglaise in Paris. Eine Stunde nur, als Belohnung für all die Strapazen. Ich empfing die Mietnomaden mit offenen Armen.

Und sie ließen mir 200 Euro da.

Anmerkung: Am vergangenen Freitag schrieb ich buchstäblich, bis der Arzt kam. Nun ist wieder alles gut. Ich will mich aber trotzdem bei all denen entschuldigen, die vergeblich auf die Flush Hour gewartet haben. Und bei Herbert N. aus Goslar. Er hatte schon gehofft, es sei nun endlich Schluss "mit diesem Pokerscheiß". Aber es geht weiter, natürlich.

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