Flush Hour: Die echte Hand Gottes - DER SPIEGEL
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Flush Hour Die echte Hand Gottes

Thierry Henry hat mit seinem fiesen Handspiel die ganze Fußballnation Irland in tiefe Trauer gestürzt. Und reflexartig machen jetzt alle die Finger des Franzosen zur "Hand Gottes". Dabei kommt diese mitnichten aus dem Fußball - sondern aus dem Pokern.
Von Lasse König
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ich habe mehr als ein Jahr in Irland gelebt und damals öfter Cork City beim Fußball spielen zugesehen oder besser: beim Versuch. Eine Trümmertruppe zwar, eine Beleidigung für jeden Freund des ästhetischen Spiels. Aber auch lauter ehrliche Haudegen, die austeilten und einsteckten und nachher zusammen in den Pub gingen. Außerdem bezahlte man nur einmal, bekam aber drei Sportarten zu sehen: Fußball, Catchen und Rugby. Seither bin ich Fan des irischen Fußballs.

Und weil das so ist, bin ich immer noch stocksauer auf Thierry Henry. Aber noch viel mehr auf die Folgen. Jetzt findet sich nämlich überall dieser Euphemismus, die "Hand Gottes", in den Schlagzeilen wieder. Dabei war sicher nicht die Hand Gottes involviert, sondern nur die profanen Griffel eines französischen Nationalspielers, der sich feige (aber leistungsgesellschaftsmäßig natürlich total opportun) den Ball regelwidrig vorlegte.

Warum muss bei jedem besonders tragischen Handspiel immer die Hand Gottes im Spiel sein? Das ist ungerecht, weil der sportliche Betrug damit überhöht und der Betrüger ein paar Jahre später zu einer genauso zweifelhaften Legende wird wie Diego Maradona 1986. Und außerdem hat die Hand Gottes ohnehin nichts mit Fußball zu tun!

Sondern mit Poker.

Viele werden sich an die erste Privatrunde in der Schanze erinnern. Es war eine eigentlich entspannte, lustige Runde, die irgendwann eskalierte zu einem Duell zwischen Pokerteufel und Gottesmann. Es war der Kampf, den ich gewann und der Kraftpfarrer verlor. Ich grübelte lange, ob ich mich überhaupt auf eine Revanche einlassen sollte. Ich hätte es machen können wie ein demütiger Lottogewinner, der sich nach Sardinien absetzt und nie wieder einen Lottoschein anrührt.

Weil er wusste, dass er eigentlich unmögliches Glück gehabt hatte.

Ich ging trotzdem hin. Gott konnte ja im besten Fall nur ausgleichen. Und das war immer noch ein verdammt gutes Ergebnis.

Einen Euro für jede siegreiche Hand mit 7-2

Diesmal waren wir zu neunt. Eine bunte Runde, mit Brokern, Anwälten, dem Immo-Hai, einem Bar-Mann, einem Fernseh-Fuzzi, dem Pfaffen und mir. Der Gottesmann umarmte mich gleich zur Begrüßung und sagte ansonsten nicht viel. Irgendwann machte der Fernseh-Fuzzi den Vorschlag, dass an diesem Abend derjenige von allen anderen eine Euro bekommen würde, der mit dem schlechtesten Blatt im Poker eine Hand gewann: 7-2.

Wir spielten drei Runden. Über die erste will ich den großen, grauen Mantel des Schweigens werfen. Die beste Hand für mich war K-J off. Die Runde gewinnt der Fernseh-Fuzzi, der fünf Plätze vom Dealer entfernt sitzt. Roger-Raise nenne ich ihn irgendwann, aber er zuckt mit den Schultern. "Nur gute Karten", sagt er, liege vielleicht an dem speziellen Platz. Dann ändern wir die Sitzverteilung. Es gewinnt der Bar-Mann, der linkisch den Fernseh-Fuzzi-Platz ergattert hat. Ich überlege, wie ich es in der dritten Runde ohne Blutvergießen auf diesen Sessel schaffe. Der Anwalt schaut auch schon neidisch.

Der Wunsch in seinem Gesicht, es mir heimzuzahlen

Aber zuvor kommt es zum ersten Duell mit dem Pfarrer. Acht Spieler sind noch im Turnier, der Pfaffe hat einen ordentlichen Chipstack, ein bisschen größer als meiner. Ich sitze im Big Blind und halte: 7-2. Ich muss aufpassen, dass ich nicht rot werde. Der Pfarrer callt, er unterhält sich mit seinem Nebenmann. Der Fernseh-Fuzzi im Small Blind ist schon short, er schaut mich an und ich sage: Schmeiß weg! Dann gehe ich All-in. Der Pfarrer reißt den Kopf herum. Lasse, nicht schon wieder, sagt er. Überlegt. Schaut. Überlegt. In seinem Gesicht sieht man den Wunsch, es mir schon jetzt heimzuzahlen. Dann schmeißt er weg.

Ich zeige triumphierend 7-2. Er grunzt, der Tisch stöhnt. Ich jubele, high Five mit dem Pokerteufel.

Doch es ist noch nicht vorbei.

Ich habe es in der dritten Runde auf den Raise-Sessel geschafft, und tatsächlich: Es funktioniert. Die Blätter sind plötzlich gut, es ist wie Fliegen mit Autopilot. 5-3 in Kreuz erscheint mir dann eine gute Hand, um es auf die Spitze zu treiben. Wer kann mich schon callen? MICH? Zwei trauen sich. Jan von der Bank und der Pfaffe.

Flop: Herz 2, Karo 4, Karo 3.

Wow. Ich nehme mir vor, die Sache hier und jetzt zu beenden und setze Potsize in einen 1200er Pot. Jan von der Bank reraist mich All-in, irgendwie grinst der Gottesmann, warum?

Dann callt er und schaut triumphierend. Der Kraftpfarrer. Hier stimmt was nicht, denke ich, aber auch, dass ich callen muss. Der Pfarrer zeigt ein Set Zweien, Jan von der Bank 8-3 off.

Turn: Karo 7.

Ach du lieber Himmel. Der Pfarrer liegt vorn und hat außerdem noch einen Karo Flushdraw. Selbst Jan von der Bank liegt mit seinem Krüppelblatt noch vor mir. Ich versuche ruhig zu bleiben, ich wäre ja weiterhin Chipleader. Mir schießt das Bild in den Kopf, wie der Pfaffe am U-Bahnhof Mönckebergstraße sitzt und ich ihm 30 Cent hinwerfe. Ja, so ungefähr war das hier. Also eigentlich doch sogar eine gute Sache. Die 6 kommt sowieso nicht, das Ass auch nicht. Sechs Outs.

River: Pik 6.

Neinneinnein. Das stammelt der Pfarrer, knallt seine Karten auf den Tisch, und flucht (!!!) Das könne doch nicht sein, das setze dem Ganzen ja die Krone auf undsoweiterundsoweiter. Er sieht aus wie ein gebrochener Mann, alles Juvenile ist kurz aus seinen Zügen gewichen. Dann schaut er aus dem Fenster und scheint irgendwas zu suchen. Ich schweige. Und denke an Diego Armando Maradona.

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