Flush Hour: Ein Fisch namens Oetti - DER SPIEGEL
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Flush Hour Ein Fisch namens Oetti

Der Fisch gehört zum Pokern wie die Karten. Der Fisch im Poker leidet an chronischer Selbstüberschätzung, was schlecht für den Fisch ist aber gut für die anderen. Aber wo kann man solche Fische finden? Und wie fängt man sie am besten? Lasse König war angeln.
Fisch, Fischfresser: Klein, durchsichtig, rote Augen
Fisch, Fischfresser: Klein, durchsichtig, rote Augen

Fisch, Fischfresser: Klein, durchsichtig, rote Augen

Foto: dpa/dpaweb
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Fische begleiten mich schon mein ganzes Leben.

Als ich sechs war, stand ich mit meinem Vater am Spreeufer in Berlin und hielt eine improvisierte Angel in das milchige Wasser. Als Köder verwendete ich einen Regenwurm, der sich in unserem Gartenboden zu beachtlicher Größe gefressen hatte. Schon nach wenigen Minuten biss ein Fisch an. Er glotzte aus roten Heino-Augen, war durchsichtig, nicht größer als meine Hand und auch ansonsten sehr bemitleidenswert. Ich warf ihn zurück.

Später hatte ich eine Freundin, die so lange meine Freundin war, bis ich erfuhr, dass sie auf Scooter stand. Eines ihrer Lieblingslieder hieß "How much is the fish?". Ich konnte Scooter noch nie leiden. Immer der gleiche, simple Rhythmus und dabei ein bisschen rumschreien. Scooter sind der Billigporno unter den Musikern.

Mein allerliebster Film ist hingegen "Der Pate". Irgendwann bekommt die Corleone-Familie einen toten Fisch, eingewickelt in Papier. Eine sizilianische Botschaft, "Luca Brasi ist bei den Fischen", sagt der alte Tessio. Ich dachte später kurz daran, der Scooter-Braut eine Packung Matjes in einer "Bild"-Zeitung zu schicken, aber ich war sicher, sie würde es missverstehen.

Zusammenfassend kann man sagen, dass ich ein gestörtes Verhältnis zu Fischen habe. Am traumatischsten ist sicher die Erkenntnis, dass sie bei mir zwar schnell anbeißen, aber dann doch zu nichts zu gebrauchen sind.

Ein Aquarium, zwei überfischte Tümpel

Wie passend, dachte ich mir in der vergangenen Woche. Ich war zu einer Cashgame-Runde eingeladen. In einem ziemlich großen, verqualmten Raum wurde an drei Tischen Pot Limit Omaha gespielt. Ich kam viel zu spät und war zunächst gar nicht unfroh darüber. Auf der Warteliste stand ich auf Position vier. Genug Zeit, die Tische nach schwachen Spielern abzusuchen. Tableselection nennt das der Pokerspieler. Fischgrundanalyse der Angler.

Nach zwanzig Minuten war klar: Bei einem Tisch handelte es sich um ein Aquarium, bei den anderen beiden um überfischte Tümpel. Ich ging noch eine rauchen, dann wurde mein Name ausgerufen. Aquarium! Jackpot, jubilierte ich. In Gedanken war ich einer dieser riesigen Industriefischerei-Ozeanriesen, die in einer Tour ihre übervollen Schleppnetze an Bord leerten. Berge von Fisch.

Schon der erste Blick auf die Chipstapel meines Tisches machte mich jedoch stutzig. Ein dicker Kraftklotz mit Lederweste und Schnauzer hatte plötzlich einen Turm vor sich stehen, der ihm fast bis zum Kinn reichte. Ihn hatte ich vorher als gefährlichen Sportangler identifiziert, aber das sah jetzt schon stark nach Dynamitfischen aus. Und wo waren die zwei schwächsten Spieler? Die, von denen ich mir erhofft hatte, sie würden mir bereitwillig ihre Chips in den Rachen werfen und dabei auch noch lachen?

Oetti bezahlt alles

Weg. Mit einem Streich hatte sie der Schnauzer erlegt, er diskutierte gerade seine AKKQ-Hand mit seinem nur halb so großen und kurz zuvor an den Tisch zurückgekehrten Nachbarn. "Straße gefloppt, Full House gerivert", das Übliche Pokerblabla. Toll. Die Fische hatten offenbar mit Paaren gecallt. So was aber auch.

Ein Fisch war noch übrig, was diesen Tisch plötzlich so interessant machte wie ein Biosphärenreservat für den notgeilen Jäger. 20 Big Blinds hatte der junge Mann mit dem Informatikergesicht noch vor sich stehen. Seine Vorstellung in der vergangenen halben Stunde hatte an Günther Oettingers Englisch-Rede erinnert und ja: der Informatiker schaute gerade genauso verblüffend selbstbewusst wie Oettinger, als sie ihn schon längst alle auslachten.

Gleich in der ersten Hand bekam ich in mittlerer Position AsKsAh2h, also zwei Asse mit gleichfarbigen Ergänzungskarten. Ich bezahlte den Big Blind, weil ich auf ein Raise von Oetti hoffte. Zu Recht. Er erhöhte im Small Blind auf 1,50, ich reraiste ihn auf 5. Vier Caller stiegen aus, der Fisch glotzte mich an. Hatte er rote Augen? Ich schaute auf seinen Stapel und versuchte seine Hände so zu hypnotisieren, dass sie die Chips in die Mitte schieben. Sie gehorchten.

Er zeigte 4s 5d 6d 6h.

Flop: Ass in Karo, 10 in Herz, 9 in Herz.

Ach, hört doch auf, lallte Oetti in Richtung der Dealerin. Der Leder-Schnauzer blickte irgendwie peinlich berührt zu mir, der Fisch war sein Bruder, wie ich später erfuhr. Sachen gibt's.

Turn: 8 in Herz.

Sieben, flehte der Fisch, aber sein dicker Nachbar schüttelte nur den Kopf. Flush, da liegt ein Flush, stöhnte er. Flush, fünf gleichfarbige Karten. Weißt du? Fisch! Jetzt war sogar ich peinlich berührt. Hatte ich da gerade einem Blinden den Krückstock gestohlen?

Nicht vergessen werde ich der dicken Lederweste, dass sie ihren Bruder wenig später wortgewaltig davon abhielt, sich wieder einzukaufen. Es blieb für mich an diesem Abend bei einem mickrigen Plus und einer großen Erkenntnis: Nur der frühe Angler fängt den Fisch.

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