Flush Hour Eiskalt neben dem Schneemann
Schneemann: Lebt Günther Strack etwa noch?
Foto: WILL KINCAID/ ASSOCIATED PRESSNeulich hat meine Frau mal wieder beiläufig gefragt, was denn meine Pokerkarriere so mache. Gut, sagte mein Mund. Geht so, sagte mein Gesicht. Warum läuft es denn nicht, fragte meine Frau. Ich schaute wie der Hund von Columbo. Hatte ich nicht gerade "gut" gesagt? "Mir kannst du nichts erzählen", sagte meine Frau. "Dein Gesicht ist schließlich ein offenes Buch."
Verdammt. Am Samstag ist das Deepstack-Turnier im Aceclub, nächste Woche die Qualifikation für die Deutsche Pokermeisterschaft - und mein Gesicht ist ein Buch! Wie schön es doch wäre, wenn es eine Bildungsmisere bei Pokerspielern gebe. Das Analphabetentum als Idealzustand, Deutschland Schlusslicht beim Poker-Pisa. Niemand könnte in meinem Gesicht lesen. Leider ist das Utopie.
Schon bei der letzten Privatrunde hatte ich bemerkt, dass ich was tun muss. Bei einem Board von Dame-Dame-7 wollte ich dem Marketing-Fuzzi mit der Löwenmähne eine Geschichte erzählen, die wahlweise so ging, dass ich entweder die 7 habe oder eine Dame. Er glaubte sie mir aber nicht. Kein Wunder, meine Ohren glühten, selbst Jupp "Osram" Heynckes hätte gegen mich kreidebleich gewirkt. Der Marketing-Fuzzi callte jeden Einsatz mit Ace high. Warum auch nicht?
Ich war ja nicht schwer zu lesen. Ich war ein Kinderbuch.
Seither weiß ich: Ich brauche ein Pokerface. Leider gibt's das nicht zu kaufen oder bei Ebay zu ersteigern. Aber vielleicht kann man es ja trainieren? Seit Montag übe ich, die Aufgabe ist so leicht wie schwer: keine Regung zeigen bei nichts. Eine Maske sein.
Montag, 9.25 Uhr, S-Bahn Richtung Innenstadt.
Die S-Bahn ist überfüllt, draußen hat es geregnet, hier drinnen sind die Scheiben beschlagen. Ich muss neben einem Menschen stehen, dessen Konturen mich an einen Schneemann erinnern. Er trägt einen Anzug, lebt Günther Strack etwa noch? Der Schneemann schwankt mit jeder Bewegung der Bahn, und er schwitzt. Mit einer Hand hält er sich am Sitz fest, mit der anderen stopft er sich ein Mettbrötchen in den Mund. Ich könnte mich hier und jetzt übergeben.
Aber ich blicke nur stoisch geradeaus. Meine Miene regt sich auch nicht, als mich eine Frau aus einem der Sitze anschaut, mit den Augen rollt und die Nase rümpft. Ihre Augen fragen: Stinkt es bei Ihnen auch so nach Mett und Schweiß? Oder sogar noch mehr? Ich schaue durch sie hindurch. Wahrscheinlich denkt sie, der Schneemann gehört zu mir. Ich schaffe es, keine Regung zu zeigen. Dann rollt der Schneemann raus.
Dienstag, 18 Uhr, der Edeka des Vertrauens.
Es gibt für mich wenige Archetypen von Wohlfühl-Einkauf, der Edeka bei mir um die Ecke gehört auf jeden Fall dazu. Hier sind die Waren frisch und die Verkäufer freundlich. Es ist ein guter Ort, der die Stimmung hebt. Das hat auch der nette "Hinz und Kunzt"-Verkäufer bemerkt, bei dem ich mich nicht wundern würde, wenn er dank der spendablen Edeka-Kunden bald mit dem Benz vorfahren würde.
Herrn Jochimsen an der Kasse kenne ich schon lange, und er hat immer einen Spruch parat. Herr Jochimsen würde wohl selbst einen Stein zum Lachen bringen, das ist gefährlich für meinen Versuch. Deshalb habe ich mir extra eine Sonnenbrille aufgesetzt und einen Kapuzenpulli angezogen.
"Herr König, extra für Sie haben wir heute 300-Watt-Birnen eingeschraubt, damit sich die Sonnenbrille auch lohnt", sagt Herr Jochimsen. Er grinst mich an, ich schweige. Draußen schüttet es, ein paar Wassertropfen laufen noch über die Brillengläser. "Brillenputztücher sind leider aus, und Schirme stehen ganz vorn beim Eingang", sagt Herr Jochimsen. Ich stelle mir vor, wie ich einen Vierling floppe und Herr Jochimsen All-in geht. Es funktioniert. "Schönen Tag noch", sage ich. Draußen lache ich und nehme die Brille ab.
Mittwoch, 16 Uhr, Kita.
Ich hole meinen Sohn ab, er lacht, als er mich sieht. Und ich lache auch. Ich kann nicht anders.