Flush Hour Endlich Poker-Weltmeister!
Pokerspiel für den Blackberry: Nach dem Main Event ist der Akku leer
Eine Hand noch, dann ist es vorbei. Mein Gegner grinst, obwohl er nur noch 130.000 Chips hat, aber er kann auch nicht anders. Sein Gesicht ist unbeweglich, seine Haare blond und meine Hand Ass-8. Der Gegner ist eine Computergrafik in meinem Blackberry und meine Karten auch. Nur ich bin echt - sauer. Der Akku.
Vor vier Stunden habe ich das WSOP Main Event angefangen. 7000 Spieler, Tag 1, der Akku war voll. Jetzt sind noch zwei Spieler übrig und der Akku hat keine Lust mehr. Verdammt. Aber irgendwie ist es der realistischste Moment in den vergangenen ziemlich unrealistischen Stunden. Wer Tag sieben beim echten Main Event erreicht, dessen Akku ist garantiert leer. Die Blinds liegen bei 10.000 und 20.000, ich habe knapp 4 Millionen Chips. Eine Hand noch.
Es gibt viele Pokersimulationen. Amazon bietet 81 Computer-Pokerspiele an, aber wer kauft eigentlich Computer-Pokerspiele? Das ist etwa so cool wie Sex mit einer Gummipuppe, obwohl man glücklich verheiratet ist. Bei jedem Online-Pokeranbieter kann man um Spielgeld spielen und trotzdem gegen reale Gegner. Okay. Es gibt vielleicht immer noch Menschen ohne Internet - aber wer hat einen Computer und kein Internet?
Für das iPhone sind mindestens vier Poker-Apps verfügbar. Pokern mit dem iPhone ist aber auch nichts anderes als der Sex mit der Gummipuppe, nur dass sie besser aussieht. Mit dem Computer kann man aber nicht in der S-Bahn erwischt werden. Mit dem iPhone schon. Okay, es gibt immer noch Menschen ohne iPhone und die finden wahrscheinlich alles toll, was die anderen damit machen.
Bitte nicht ernst nehmen!
Doch ich will diese Daddeleien nicht verdammen, im Gegenteil: Es ist gut, dass es Computer-Pokerspiele und Handy-Pokerspiele gibt. Sie sind wie Placebos, wichtig und harmlos! Man darf sie nur nicht zu ernst nehmen. Man sollte nicht die Faust ballen, wenn man in der S-Bahn einen großen "Pott" gewinnt. Und man sollte nicht "Nice Hand" sagen, wenn man gegen den legendären Pokeropa T.J. Cloutier in dessen eigenem Computerspiel mal wieder gegen einen Flushdraw auf dem River verliert. Die Freude sollte immer innerlich sein, genau wie der Ärger.
Für den Blackberry gibt es "Texas Hold'em King 2", was ich anfangs mit Freude registriert hatte und dann schnell vergessen. Ich bin glücklich verheiratet. Doch vor einer Woche hat mich die Langeweile eingesperrt, ich war allein mit dem Blackberry auf einer langen Bahnfahrt. Ist es eigentlich ein gutes Zeichen, wenn man in der Leere als erstes an Poker denkt?
Über ein Cashgame habe ich mir das Eintrittsgeld für die WSOP erspielt, und schon das ging viel zu leicht. Blackberry-Gegner bluffen nie, sie kennen keine Odds, keine Equity und auf dem River findet sich stets mindestens ein Caller, der ein Set mit Middle-Pair ausbezahlt. Das Main Event-Buy in kostet 10.000 Dollar (wie auch in der Realität), dafür gibt es bei "Texas Hold'em King 2" eine Million Chips. Das ist wirklich nett ist, aber leider ungefähr so realistisch wie fünf Asse. Die Gegner an Tag 1 haben nämlich nur 1500. Ich stelle mir vor, wie ich in Las Vegas meine Chips mit der Sackkarre an den Tisch bringe während sie bei den anderen in eine Hosentasche passen. Tight spielen ist in dieser Situation übrigens wenig sinnvoll. Wem das Meer gehört, der muss ja auch kein Wasser sparen.
Die Zeit schleicht. Noch 6000 Spieler, von denen ich persönlich etwa 100 aus dem Turnier befördert habe. Doch mein Stack ist erst auf 1,2 Millionen gewachsen. Neben mir sitzt ein junger Typ, etwa 20, mit langen Haaren und Hornbrille. Er macht sich gar nicht die Mühe, seinen Kopf wegzudrehen, wenn ich von meinem grünen Display aufschaue. Er glotzt einfach weiter auf mein Handy. "Und, wie läuft's?", fragt er plötzlich. Ich überlege kurz, was wohl die richtige Antwort auf die Frage wäre. Vorher wäre jedoch zu klären, ob er die Frage ernst meint oder sich lustig machen will. Ich stehe auf und setze mich drei Reihen hinter ihn. Er riecht ohnehin komisch.
Die Faszination am Handy-Poker erschließt sich auch nach drei Stunden nicht. Es muss der Ehrgeiz sein, der jeden Mann auch bei den kleinsten Kleinigkeiten packt. Es ist ein Ehrgeiz, der blind macht für das absolut sinnfreie Eintippen von Chipzahlen und die Realitätsferne, mit der dieses Handyspiel das Pokerspiel simuliert. Nach vier Stunden ist es vollbracht. Ass-8 hält, der Gegner zeigt Bube-8 in Pik. Danach verabschiedet sich der Akku. Ich suche den jungen Typen, ich will ihm sagen, dass ich gewonnen habe. Zum Glück finde ich ihn nicht.
Im Video der Woche : Jason Mercier bei der EPT in San Remo.