Flush Hour: Gib mir Holländer-Namen - DER SPIEGEL
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Flush Hour Gib mir Holländer-Namen

Kann Musik den Pokerspieler besser machen? Was bringen Feindbilder? Lasse König kommt im zweiten Teil seines Experiments an seine Grenzen. Chopin erweist sich zwar als hilfreicher Begleiter, aber schon Gitarren machen ihn zu einem fremdbestimmten Wesen. Wie gut, dass es unsere Nachbarn gibt.
Niederländische Fußball-Fans: Per Autosuggestion zum besseren Spieler
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Foto: Z1005 Waltraud Grubitzsch/ dpa
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Neulich war ich mit einer Kollegin essen und ich war erstaunt. Nicht, weil sie selbst beim Essen die Kopfhörer nicht aus Ohr nahm, sondern weil vor ihr auf dem Tisch ein Discman stand. Kennt eigentlich noch jemand den Discman? Es ist noch gar nicht so lange her, da war er der Plattenspieler der Zukunft, jetzt ist er ein Fossil. Der iPod der Steinzeit. Sie schaltete ihn dann höflicherweise doch aus, bemerkte aber, dass ihr das Essen mit Musik besser schmeckt.

Es gibt einen wunderbaren Film von Sebastian Schipper, er heißt "Absolute Giganten", und Frank Giering, der in dem Film "Floyd" spielt, steht irgendwann in einem Fahrstuhl und sagt zu dem Mädchen Telsa:

"Es müsste immer Musik da sein. Bei allem was du machst. Wenn es so richtig scheiße ist, ist wenigstens noch die Musik da. Und an der Stelle, wo es am allerschönsten ist, da müsste die Platte springen und du hörst immer nur diesen einen Moment."

All das sagt ja viel über die vermeintliche Kraft von Musik. Aber funktioniert sie auch im Poker? Die Antwort ist ziemlich einfach: Kommt drauf an.

Musik

Ich habe Musik in einem Deepstack-Turnier ausprobiert. Wie weit kann sie tragen, wie beeinflusst sie das Spiel? 5000 Chips war der Starting Stack, viel Zeit zum Experimentieren.

Die Playlist:

"Piano Concerto No 1" - Frederic Chopin
"The Bends" - Radiohead
"Family" - Ignite

Die Versuchsanordnung richtete sich ziemlich genau nach meiner üblichen Spielweise in Deepstack-Turnieren. Tight beginnen, aggressiv weiterspielen.

Es funktionierte zunächst blendend. Ich callte kein einziges Raise mit AJ, Pocketpaare wanderten bei Overcards umgehend in den Muck, selbst Könige, wenn auf dem Flop ein Ass lag und der Raiser anspielte. Keine Spielereien, kein Reraise als Test, ob der Gegner vielleicht nur einen Conti-Bet mit QJ probierte. Wenn Chopin gepokert hätte, er wäre der Lord of Tightness gewesen.

Später lief es dann nicht mehr so gut. Der Tisch wurde aggressiver, und meine Musik auch. Dabei wäre es in der Theorie sinnvoller gewesen, sich diametral zur Tischphilosophie zu verhalten. Wolfgang Joop sagt, wenn überall Sex ist, gibt es keinen mehr. Und wenn jeder am Tisch plötzlich aggressiv wird, ist das meist der Untergang. Wehren konnte ich mich aber nicht, Ignite ließen es nicht zu. Ich flog vor der Bubble raus. Nachdem ich viermal in Folge mit Suited Connectors geraist und nicht getroffen hatte, verabschiedete ich mich mit AJ suited gegen Könige.

Fazit: Wer Musik beim Pokern hört, kann zu einem fremdbestimmten Wesen ohne eigene Meinung werden. Und wer will das schon?

Feindbilder

Ob Jürgen Rüttgers pokert, ist nicht überliefert, aber man kann wohl von Glück sprechen, dass er nordrhein-westfälischer Ministerpräsident geworden ist und nicht Pokerprofi. Warum? Man stelle sich vor, er hätte am Final Table der EPT in Barcelona gesessen, zusammen mit Mihai Manole.

Der trieb seine Gegner zur Weißglut, als er vor wirklich jeder Aktion erstmal minutenlang überlegte, bevor er dann doch seine Karten ablegte. Vielleicht hat er Slowplay einfach wörtlich übersetzt. Rüttgers hätte sich ob dieser Entdeckung der Langsamkeit vielleicht zu unüberlegten Aktionen hinreißen lassen. Manole ist ja Rumäne.

Feindbilder können aber durchaus auch nützlich sein im Poker, Lex Veldhuis hat das am ersten Tag der WSOP vorgemacht. Zweimal bluffte er (Zufall? Nein!) gegen den deutschen Profi Simon Münz mit einer Dreistigkeit, dass es schon wehtat. Ich will nicht näher darauf eingehen, das habe ich ja hier  schon getan. Veldhuis ist übrigens Holländer.

Für mich sind Informatiker immer wieder eine Motivation, besonders gut zu spielen. Ein Tisch voller Informatiker ist wie das Gefühl damals, als das Moorhuhnspiel rauskam. Mittlerweile weiß ich aber, dass Abneigung nur in Verbindung mit dem Anschein von Respekt funktioniert. Wer als Jugendlicher einmal einem aknegepeinigten Klassenkameraden gesagt hat, dass es Schlimmeres gibt als Pickel, weiß, was ich meine.

Fazit: Feindbilder motivieren und machen aus einem langweiligen Tisch schnell einen interessanten. Funktioniert auch gut mit Autosuggestion - einfach einem Gegner einen holländischen Namen geben.

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