WSOP-Finale: Neun für den November
Flush Hour Holzfäller, Heilige und der Bart-Schrat
Im Russischen gibt es einen schönen Satz, der übersetzt so geht: "Wenn ein Krebs auf dem Berg pfeift." Es ist eine wunderbare Redewendung, die ein Paradoxon beschreibt. Etwas, das nicht geht. Die deutschen Entsprechungen sind "bis zum Sankt Nimmerleinstag" und "Pflaumenpfingsten". Oder "wenn Ostern und Weihnachten auf einen Tag fallen."
Weil Ostern und Weihnachten aber nicht auf einen Tag fallen können, sagt man dazu hier meist einfach: NIE.
Als das Main Event in diesem Jahr begann, habe ich zu meinem Kumpel und Pokerrivalen Killer eher beiläufig gesagt: "Phil Ivey gewinnt das Ding. Jede Wette." Er, der auch mal um einen Kaffee wettet, dass der nächste Busfahrer eine Brille trägt, witterte sofort seine Chance: "Einen Kasten Bier für dich, wenn er es an den Final Table schafft. Für jeden, der dann vor ihm ausscheidet, eine Flasche Rotwein. Kommt er nicht an den Final Table, 50 Euro für mich."
Okay.
Er glotzte mich an wie Mario Barth, kurz bevor der über seinen eigenen Witz lacht. Nur dass ihm überhaupt nicht nach Lachen zumute war. Wie, bitte, das sagten seine Augen, könnte ich so blöd sein, diese Wette anzunehmen?
Der Killer klimperte mit seinen Augenbrauen, legte seinen Kopf schief und sprach dann zu mir wie ein weiser Vater zu seinem dummen Kind: Weißt du denn nicht, dass Ivey noch nie ein NL Hold'em Bracelet gewonnen hat? Dass dein Ivey noch nie am Main Event Final Table gesessen hat? Dass dein Ivey total überschätzt ist? Eher fallen Ostern und Weihnachten auf einen Tag, als dass der überhaupt die Finaltisch-Bubble übersteht!
Hehe.
Bald ist also Ostern. Und Weihnachten. Noch acht Tage. Phil Ivey sitzt am Final Table des WSOP Main Events. Er hat es geschafft, Teil der "November Nine" zu werden, was sich ein bisschen wie eine Bigband anhört, "Phil Ivey and the November Nine, live from Las Vegas". Neun Pokerspieler werden an diesem Tisch hocken, die Welt sitzt daneben und fragt sich: Wer von diesen Jungs wird sich durchsetzen? Ich frage mich, wie viele Flaschen Rotwein es wohl werden.
Ich tippe auf sieben.
Ich glaube nicht mehr, dass Ivey das Main Event gewinnen wird. Vielleicht liegt es an den Eindrücken aus den Tagen, als die Neun ausgespielt wurden. An seinen verhältnismäßig wenigen Chips. Oder es liegt am Bier. Meine Favoriten sind mittlerweile andere.
Wer gewinnt das Main Event? Und: Ivey gegen Farha im Video
9. Kevin Schaffel
Hat gerade einen Werbevertrag bei Pokerstars abgeschlossen. Ist damit der einzige Pokerstars-Spieler am Tisch - und wirkt auch sonst eher verloren. Angeblich ist das Casino sein zweites Zuhause, vielleicht ist er deshalb auch geschieden. Schaffel zeigte trotzdem eine gute Leistung, doch am Final Table wird er nicht heimisch. Geht als Erster - und keiner merkt es.
8. Steven Begleiter
War jahrzehntelang bei der Investmentbank Bear Stearns. Ist er womöglich sogar für die Weltwirtschaftskrise verantwortlich? Zerstörte bei der WSOP armen Amateuren deren mühsam zusammengesparten Traum. Und hatte so viel Glück mit seinen Draws, dass man wirklich verzweifeln musste. Macht der Teufel doch auf den größten Haufen? Fliegt am Final Table raus, weil er Implied Odds viel zu hoch bewertet.
7. Jeff Shulman
Sieht wegen seines langen Bartes älter aus als er ist, gibt das "CardPlay Magazin" heraus und ansonsten nicht viel auf sein Äußeres. Der Schrat spielte bisher tight wie eine 501 und bezeichnete das Feld als das schlechteste der Geschichte. Fliegt raus, weil sich seine Holecards in seinem Kinngestrüpp verheddern. Open-Fold mit Assen.
6. James Akenhead
Wirkt wie die dünne Ausgabe von Wayne Rooney. Kann sehr böse gucken, sehr hektisch sein, aber großartige Reads machen. Sagte seinen Kumpels angeblich immer den richtigen Chipstand vom Tagesende voraus. Überdreht am Final Table nach einem Bad Beat, schmeißt sein Glas an die Wand und wird des Saales verwiesen.
5. Eric Buchman
Sitzt so lethargisch am Tisch, dass er nichtmal das Klirren von Akenheads Glas hört. Glaubt, dass er nach viel Pech endlich das Glück gepachtet hat und stellt nach Akenheads Glaswurf mit jeder Hand rein. Wird beim achtzehnten Versuch von Darvin Moon ("Spiele nur Asse heute") gecallt.
4. Darvin Moon
Großartiger Run des Holzfällers, der das Beste aus den besten Karten machte. Am Finaltisch bekommt er die Asse und nimmt Eric Buchman vom Tisch, doch 27 Hände später verliert er damit gegen Iveys 2-3 off. Bekommt großen Applaus von den drei Verbliebenen: Endlich bekommen sie auch mal gute Karten.
3. Phil Ivey
Grinst mit jeder Stunde breiter, weil er seine Mission für gottgegeben hält, spätestens nachdem er Moon vom Tisch genommen hat. Entschließt sich deshalb, 2-3 off zu seiner neuen Lieblingshand zu machen und wirft gegen Saout sogar die Asse weg. Der Franzose bedankt sich mit seiner geheimsten Geheimwaffe: Er setzt seinen narkotisierenden Schlafzimmerblick auf und bringt Ivey tatsächlich zum Einnicken. Saout und der feixende Cada blinden den Champ runter. Ivey wird als Dritter auf einer Matratze rausgetragen.
2. Antoine Saout
Saout versucht es am 9. November auch bei Joseph Cada mit der Einschläferungstaktik, aber der 21-Jährige hat vorgesorgt: Er schielt. Saout, 25, ist verwirrt und verliert völlig die Kontrolle über sein Spiel. Stellt mit 2-3 off alles rein. Cada callt mit 2-3 suited und trifft den Flush auf dem River. Saout entschuldigt sich in radebrechendem Englisch bei Ivey und verzichtet auf den zweiten Platz. Ivey, der schon 48 Stunden schläft, ist immer noch nicht wach.
1. Joseph Cada
Wird am 10. November der jüngste WSOP-Main-Event-Champion der Geschichte. Weckt Ivey und gratuliert diesem zu Platz zwei.
Alles ist möglich, wenn Weihnachten und Ostern auf einen Tag fallen.
Anmerkung: Ab 7. November gibt es hier Liveblogging vom WSOP Final Table.