Flush Hour In der Pokerhölle
Teufel: 666 ist seine Nummer
Foto: JOEL SAGET/ AFPFangen wir mit dem Guten an.
Und nun zum Schlechten. Dies sollte der nächste Versuch werden, den Bann zu brechen. Ein Turnier in einem Casino außerhalb Deutschlands, außerhalb Europas. Eine Ortsveränderung hat noch niemandem geschadet, und vielleicht würde ja Vancouver die Wende bringen. Immerhin führen wir Deutschen den Medaillenspiegel bei den Olympischen Spielen an, sie könnten Respekt haben vor dem Urlauber aus Germany. Allein deshalb.
Das Edgewater Casino wirbt mit "Las-Vegas-Ambiente", aber das Edgewater Casino drinnen hat den Charme eines Obdachlosenheims. Es muffelt, und die Tische sind auch nicht mehr die neuesten. Der Kaffee ist umsonst, und so schmeckt er auch.
Das Turnier kostet 35 Kanadische Dollar, es wird an vier Tischen gespielt, und gleich geht es los. Ich sitze an einem Tisch mit lauter Jugendlichen, die aussehen, als hätten sie noch nicht geschlafen. Es ist 10 Uhr morgens, und einer trinkt Bier. "Mein erstes", sagt er und rülpst. Ich glaube ihm nicht. Es ist mein erster Read, und ich habe noch nicht mal Karten gehabt. Nicht schlecht für den Anfang.
So jung und schon so durch
Der Dealer rollt mit den Augen. Fein, denke ich, ein Bruder im Geiste. Der Mann gefällt mir. Dann gibt er mir Ass-Dame in Pik. Ich habe 2000 Chips vor mir und den Button. Der Biertrinker glotzt mich aus seinen roten Augen an und grinst. Es ist die erste Hand des Turniers, und ich hoffe, dass es seine letzte ist. Der Spritti sitzt im Big Blind, ich raise auf 150, er reraist auf 400. Call.
Flop: 10 Karo, Bube Herz, König Kreuz.
Oh. Es ist seine letzte Hand. Gefloppte Straßen haben den Nachteil, dass sie sich nicht verbessern können, heißt es. Gefloppte Straßen haben den Vorteil, dass sie sich nicht verbessern müssen, denke ich. Der Spritti setzt 500, ich raise auf 1100. Wenn der Biergeruch nicht wäre, würde ich an Blumenfelder oder die Chicken-Pappardelle al Pesto von gestern Abend denken. Mir fällt auf, dass das Edgewater Casino nicht mal eine Klimaanlage hat.
"All-in."
Ich calle natürlich, der Biermann zeigt zwei Könige. Set gegen Straße, aber er verzieht keine Miene. So ist das wohl mit Alkoholikern, ihr Schmerzempfinden ist ausgeschaltet. Ich denke, so jung und schon so durch.
Turn: König in Herz.
Ich denke gar nichts mehr. Wie betäubt stehe ich auf, "nice hand" sage ich noch, und ich meine es auch so. "That's Poker", sagt ein alter Weißhaariger, die größte Phrase im Poker. Der Versuch, das Unerklärliche in Worte zu fassen. Ich kann sie nicht mehr hören.
Ich wanke rüber zum Cashgame-Tisch, wo drei Indianer und zwei Typen sitzen, die wie Truckfahrer aussehen. Das Wort "Indianer" meine ich nicht abwertend, ich könnte auch "Angehörige der First Nations" sagen, aber wie klingt das schon? Außerdem war ich früher auf dem Abenteuerspielplatz immer Winnetou. Wuwuwuwuwuwu.
"Heute hole ich mir alles zurück"
Die Blinds hier sind 1/2, und alle trinken Cola. Die Dealerin ist aus "dem ehemaligen Jugoslawien", und sie beschwert sich, dass sie immer von allen für eine Russin gehalten wird. Jetzt freut sie sich, weil ich das ehemalige Jugoslawien kenne. Wie leicht man in Kanada die Menschen glücklich machen kann. Ich kaufe mich für 200 Dollar ein und denke, dass ich gerade eine gute Werbefigur für jede Suchtberatung abgebe. "Heute hole ich mir alles zurück."
In der fünften Hand bekomme ich Pocket-Sechser im Big Blind, ein uralter Indianer raist aus dem Cutoff auf sieben Dollar, ich calle. Wir sind zu zweit in dieser Hand. Der Alte hat bemerkenswert junge Augen, aber seine Gesichtsfalten sind so tief wie der Grand Canyon.
Flop: 3 Kreuz, 4 Pik, 6 Kreuz.
Ich checke, "All in" sagt der Chief. Mein Gott, was wird das hier? Ich kenne seine Range nicht, ich weiß eigentlich nur, dass er 100 Dollar vor sich zu stehen hat und vielleicht 90 Jahre alt ist. Die vier Hände zuvor hat er mit Kaffeeholen verbracht. Er scheint ihn zu mögen.
2-5 und 5-7 sind die Hände, die mich gerade schlagen. Das Board ist sehr drawlastig. 666 ist die "Devil's Hand". Das Erste ist unwahrscheinlich, zwei und drei sind ein Problem. Würde er mit einem Flush Draw All in gehen? Hat er ein Overpair? Hat er zu viel Geld? Ich versuche, etwas in seinem Gesicht zu erkennen, aber nicht mal seine Hände zittern. Vielleicht ist er auch erst 50?
Ich calle, er zeigt 5-7 in Pik. Ist klar. Der Chief lächelt, er hat keine Zähne.
Turn: König.
River: Ass.
Ich hätte jetzt das Glück des Biertrinkers gebraucht. Aber ich habe das Pech von Lasse König.
Lesen Sie nächste Woche im zweiten Teil: "Ich wollte den Pott stealen" - als Lasse angeln wollte, aber stattdessen Fische fütterte. Und wie doch noch die Gerechtigkeit zurückkehrte.