Flush Hour: Parabel vom Talent - DER SPIEGEL
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Flush Hour Parabel vom Talent

Die einen nennen den Film seicht, vorhersehbar und oberflächlich, für andere ist "Rounders" der beste Streifen, der je gedreht wurde. Unter Pokerspielern ist das Drama mit Matt Damon, Edward Norton und John Malkovich Kult - nie wurden die Facetten des Kartenspiels besser dargestellt.
Von Lasse König
Szene aus "Rounders": "Dein Spiel hat mit Glück nichts zu tun"
Szene aus "Rounders": "Dein Spiel hat mit Glück nichts zu tun"

Szene aus "Rounders": "Dein Spiel hat mit Glück nichts zu tun"

Foto: ddp images
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Mit Schauspielern ist es am Ende wohl wie mit Fußballspielern. Nach ihrer Karriere haben die einen den Film, mit dem man sie verbindet, und die anderen einen Verein. Über Matt Damon wird man sagen, das war doch der aus "Good Will Hunting." Edward Norton wird immer der Nazi aus "American History X" sein. John Malkovich bleibt immer "John Malkovich".

Für mich haben alle drei für den gleichen Verein gespielt. Einen, den viele für unterirdisch halten - oder für noch schlechter. "Rounders", das ist der Film, mit dem ich alle drei großartigen Schauspieler verbinde. Wenn Schauspieler wie Fußballer sind und Filme wie ein Vereine, dann sind die drei Jungs meine Lieblingskicker und "Rounders" ihr Club.

Ich bin nicht allein mit meiner Begeisterung und mit meinem Ärger über die anderen, die Ungläubigen. Wir sind viele, Millionen Pokerspieler weltweit, wir lachen an den gleichen Stellen oder schütteln den Kopf. Und wir alle nicken wissend, wenn Matt Damon alias Michael McDermott gleich zu Beginn sagt: "Wenn du in der ersten halben Stunde am Tisch nicht rausfindest, wer der Trottel ist, dann bist du selbst der Trottel."

"Ein Traum von einem Pokerfilm"

Damon ist, wenn man so will, damit zum Adi Preißler des Poker geworden. "Grau ist alle Theorie - was zählt is auf'm Platz". Das war Preißlers Satz. Hunderttausendfach zitiert. Eine Phrase. Aber auch ein Gefühl.

Vor zwölf Jahren kam dieser Satz in die Kinos und mit ihm ein Film, der vor allem eins war: umstritten. "Rounders" wurde zwar in Farbe gedreht, aber die Rezensenten gaben sich erst gar keine Mühe, nicht schwarz oder weiß zu sein. "Alles in 'Rounders' ist so offensichtlich und ungefähr so spannend, als würde man Poker mit offenen Karten spielen", schrieb "Newsweek". Und das Magazin war nicht allein mit der ätzenden Kritik. Auch "L.A. Times" oder "San Francisco Chronicle" machten sich über das Werk von Regisseur John Dahl lustig. Zu oberflächlich sei das Machwerk, zu vorhersehbar, zu seicht.

Doch es gab auch Rezensionen wie die im "New Yorker" oder der "Washington Post". Rounders sei kein Film, in dem die Story eine Rolle spiele, "es geht um Persönlichkeit und Milieu. Und beides zeigt sich herausragend", schrieb die "Post". Und der "New Yorker" sah in dem Streifen "einen Traum von einem Pokerfilm". Im Fußball ist es ja genauso: Man liebt den Club oder man hasst ihn, dazwischen: nichts.

Der Held findet seine wahre Bestimmung

Die Story ist schnell erzählt. Der junge Jurastudent Michael McDermott ist ein begnadeter Pokerspieler, aber als er 30.000 Dollar an den zwielichtigen Russen Teddy KGB (John Malkovich) verliert, hört er auf. Auch seiner Freundin Jo (Gretchen Mol) zuliebe, die Mikes Leidenschaft hasst. Doch es wird schnell klar, dass es eine Entscheidung gegen die eigene Bestimmung ist - spätestens, als McDermotts Kumpel Lester "Worm" Murphy aus dem Knast entlassen wird.

Mike und Lester sind Pokerfreunde, haben aber außer ihrer Leidenschaft nicht viel gemeinsam. Ruhig, abgeklärt und manchmal zweifelnd der eine, aufbrausend, verschlagen und uneinsichtig der andere. Wie in "Mean Streets" wird der Kindheitsfreund zum Problem für den Helden - aber er dient auch dazu, dass dieser sein wahres Schicksal erkennt. Im Fall von Mike McDermott ist das Poker. "Let's play some fuckin' cards", sagt Damon schließlich zu Norton - ein Schlüsselsatz.

Es ist eine der vielen Szenen, in denen sich jeder Pokerspieler wiedererkennt, und genau deshalb ist "Rounders" zum Kult geworden. Wer kennt nicht das zeitweilige Gefühl, nur am Pokertisch zum Leben zu erwachen und die Schwierigkeiten, sich das einzugestehen? Wer hat nicht schon händeringend nach Pokerrunden gesucht, die wie Aquarien sind - voller Fische. Und wer kennt nicht die ewig nörgelnde Freundin oder Ehefrau, die einfach nicht einsehen will, dass der Mann nicht nur einer geldverschwenderischen Laune verfallen ist. Sondern eine zweite Liebe gefunden hat. Poker kann auch wie Schuhekaufen sein.

Was Talent aus einem machen kann

Auch wenn der Film in New York spielt, kommt einem das Setting ebenfalls seltsam bekannt vor. Schuppen wie Teddys unterirdische Pokerhöhle findet man auch in Berlin, Hamburg oder Wien. Und Leute wie Teddy KBG oder dessen Handlanger Granma auch.

Vor allem aber hofft jeder Pokerspieler darauf, zu etwas Größerem bestimmt zu sein. Nur wenige sind es, weil sie eine Gabe haben, mehr zu sein als nur Dominatoren der wöchentlichen Heimrunde. Leute wie Mike McDermott. "Rounders" ist eine Parabel über das Talent und was es aus einem machen kann: Im Zweifel einen Versager, im besten Fall einen glücklichen Mann.

"Ich würde dir ja viel Glück wünschen, aber ich weiß, dein Spiel hat mit Glück nichts zu tun", sagt Jo am Ende zu Michael. Sie hat ihn verlassen, es soll bitter und ironisch klingen. Ihr Ex-Freund steht vor ihr, er ist auf dem Weg nach Las Vegas. Mike lächelt nur, denn er weiß: Sie hat Recht.