Flush Hour Stell dich, Mario!
Man kann es natürlich auch positiv sehen. Prominenz ist Identifikation ist Wiedererkennungswert ist Vorbild ist interessant. Prominente Pokerspieler sind in dieser Logik gut fürs Pokern. Und alles, was dem Pokern hilft, ist eigentlich nicht zu verdammen.
Aber die pokernden Ex-Sport-Größen nerven mich nur noch.
Boris Becker tut es. Thomas Brdaric tut es. Sergej Barbarez tut es. Reiner Calmund tut es. Jeder, der es im Sport zu (irgend-)was gebracht hat, steigt aufs Pokern um. Ganz früher haben sie nach der Karriere einen Lottoladen aufgemacht oder eine Kneipe, dann kam Golfen als Ersatzdroge, heute ist Pokern die Lieblingsbeschäftigung der Frührentner. Bestimmt sitzt Rudi Gutendorf irgendwo in einer Hütte und spielt mit Otto Pfister Heads up.
Wahnsinn.
Die meisten haben natürlich gleich einen Pokeranbieter als persönlichen Partner, bekommen Startgebühren bezahlt, reisen nach Las Vegas und wir sollen dann auch noch drüber schreiben. Zugegeben: Boris Becker hat sich einen Coach genommen (Jan Heitmann), der ehemalige Tenniskönig beschäftigt sich mit dem Spiel dem Vernehmen nach so intensiv wie früher mit seinem Serve and Volley. Und auch Thomas Brdaric spielt besser als er singt. Und noch besser, als er gekickt hat.
Wäre ich Marketingstratege, ich würde mir den ganzen Tag auf die Schultern klopfen. Wäre ich CEO, würde ich meinem Marketingstrategen den ganzen Tag auf die Schultern klopfen. Und wäre ich Boris Becker, würde ich dem CEO den ganzen Tag auf die Schultern klopfen. Weil alles so herrlich funktioniert.
Aber ich bin Pokerspieler. Mich ärgert es, dass über Lilly Kerssenberg (pardon: Becker) geschrieben wird und ihren Auftritt bei Stefan Raab statt über Jörg Peisers Bracelet bei der WSOP. Oder dass es eine Schlagzeile ist, wenn HSV-Aufsichtsrat Barbarez nach Las Vegas zum Main Event eingeladen wird. Geht's den Hamburgern so gut, dass sie ihre Leute kurz vor Saisonstart entbehren können? Oder geht's ihnen so schlecht, dass die Bilanz mit ein paar Pokermilliönchen aufgebessert werden muss? DAS wären durchaus wichtige Antworten.
Und dann ist da noch Mario Basler. Ich will nicht daran zweifeln, dass der Mann eigentlich fürs Pokern prädestiniert ist. Man hat ihn früher ja als abgezockt bezeichnet. Und bluffen kann er auch. Immerhin tippt er ja vor jeder Saison in einer großen Sonntagszeitung den Ausgang der Bundesliga und jeder glaubt, der Basler kann das. Vor der abgelaufenen Saison hat er zum Beispiel Hertha BSC als Absteiger ausgemacht. Mal wieder. Um seine Pokerkünste ist es wahrscheinlich genauso bestellt.
Warum diese Polemik?
Vielleicht bin ich naiv.
- Weil ich es als unangenehm empfinde, dass Millionäre nach Vegas eingeladen werden, während sich Millionen da draußen intensiv mit dem Spiel beschäftigen, sich durch endlose Qualifikationsturniere kämpfen um am Ende dann das WSOP Main Event doch nur im Internet zu verfolgen.
- Weil ich das Gefühl nicht loswerde, dass da prominente Amateure zu Aushängeschildern eines so komplexen wie faszinierenden Sports werden und Poker damit entwertet wird.
- Weil ich selber nicht prominent bin.
Es ist Zeit für eine Entzauberung. Ob Sergej Barbarez, Boris Becker, Reiner Calmund, Mario Basler, Stefan Kretzschmar - ich bin bereit, mich zu stellen. Gern auch im Fernsehen. Prominent plaziert. Oder eben in Vegas.