Flush Hour Unter Blutsaugern
Gemeiner Vampir (Desmodus rotundus): Lauern auf den Bounty-Chip
Foto: Klaus_Blume/ picture-alliance / dpa/dpawebDas ist der zweite Teil der Kolumne über ein Bounty-Turnier in Berlin. Wenn Sie den ersten Teil verpasst haben, klicken Sie einfach hier.
Es sieht ganz gut aus. Eigentlich. Meine Chips liegen auch eine Stunde nach der Pause nur knapp unter dem Durchschnitt, aber ein Kopfgeld habe ich noch immer nicht kassiert. Langsam wird es wirklich Zeit, 20 Euro pro Bounty sind nicht nur lohnenswert, sie mindern auch das Risiko, mal wieder mit leeren Taschen nach Hause zu gehen. Stattdessen bin ich kartentot. 8-2, 8-3, 7-4, J-2, so geht das bestimmt eine Stunde. Mein Stack schrumpft, die Stapel der anderen wachsen - und ihre Blicke in Richtung meines gelben Bounty-Chips werden gieriger.
Verdammte Vampire.
Es gibt in einem Turnier mehrere Möglichkeiten, sich aus dieser Malaise zu befreien. Man kann auf bessere Karten hoffen (Atheisten), man kann für bessere Karten beten (Gläubige) oder man kann schlechte Karten wie gute Karten spielen (Mutige). Für letzteres braucht man einen Stack, der es mit den meisten Blutsaugern am Tisch aufnehmen kann. Diesen Zeitpunkt habe ich leider verpasst. Bleibt die Hoffnung. Das erste, was kommt, sind Pocket-Achter in zweiter Position. Die Blinds liegen bei 300-600, 21 Spieler sind noch im Turnier, sechs davon kommen ins Geld.
Ich habe noch rund 8000 Chips und calle. In später Position raist ein Blonder auf 2400, der vor zwei Dutzend Händen an diesen Tisch gesetzt worden war. Das hier ist die erste Hand die er spielt - ein Fels wie ich. Asse? Könige? Ass-König? Der Lehrer neben mir callt, ich schüttele den Kopf. Noch mal 1600 nachzahlen und ein Drittel des Stacks riskieren? Warum callt der Pauker ein Raise wenn ich noch hinter ihm sitze? All-in? Selbstmord. Ich werfe weg.
Flop: 8-4-9 Gedankenblitze. Hätte Set getroffen. Hätte Set gehabt. Set Achter. Set. Seeeet!!! Das Bemerkenswerteste an solchen Situationen ist nicht die Leere im Kopf oder das eigentlich nutzlose Zusammenrechnen der Chips, die man in dieser Hand hätte verdienen können, nein müssen. Das Bemerkenswerteste ist, wie falsch sich eine richtige Entscheidung plötzlich anfühlen kann. Aber ich will mich nicht mehr ärgern oder Donks, die mit A-2 aus erster Position All-in gehen in die Hölle wünschen. Ich will stattdessen alles nur noch an der Richtigkeit der Entscheidung in einer spezifischen Situation messen. Und diese Entscheidung war richtig. Blondie zeigt Asse, der Lehrer Pocket-Zweier. Nach dieser Hand hat er noch knapp tausend Chips, und seine Bounty sieht verdammt lecker aus.
Wenig später wird unser Tisch aufgelöst. Tischwechsel in einem Turnier können Glück bringen, meist bringen sie aber vor allem Probleme. Mit dem Tischwechsel ist es wie mit Umzügen von Oma und Opa, einen alten Baum verpflanzt man nicht. War der alte Tisch noch wie die eigene Wohnung, in der man jede Ecke kennt, ist der neue unbekanntes Terrain. Die Gegner sind nicht auszurechnen, und das mühsam über Stunden aufgebaute Image nichts mehr wert. Als erstes bekomme ich Ass-Dame. Wozu brauche ich ein Image? Ich raise auf 2400, ein kleines Männchen stellt mich All-in. Noch 17 Spieler. Das Männchen zeigt Ass-Bube. Ha!
Flop: 9-8-König. Der Ass-Dame-Fluch war hier schon einmal Thema. Ein Raise mit A-Q, so geht der Fluch, und auf dem Flop kommt König-klein-klein. Das ist in diesem Fall aber kein Problem. Das Männchen schüttelt den Kopf.
Turn: 10. Wie? Immerhin kein Bube, aber das Männchen hat plötzlich einen Straight Draw. Es grinst feist.
River: 7. Ohne Worte. Es gibt nichts mehr zu sagen, die kleine Turnierwelt stürzt zusammen, die Vampire starren auf meine letzten verbliebenen 2500 Chips. Ich bin fast tot.
Pocket-Zweier sind die nächste Hand, und wieder callt mich das Männchen, diesmal zeigt er 10-10. Auf dem Flop treffe ich die dritte 2 und kann mit den Blinds noch einmal fast verdreifachen. Geht da noch was? Elf Spieler sind noch im Turnier. Sollte ich es noch ins Geld schaffen, wäre das so überraschend wie eine Meisterschaft des 1. FC Köln.
Aber auch so unrealistisch. Meine letzten 3000 Chips wandern wenig später mit 6-7 offsuit in die Mitte, bei Blinds von 1000-2000. Wie zum Hohn callen mich fünf Vampire am Tisch, einer wird mich schon erledigen. Es ist das Männchen, das mit A-2 gewinnt, genüsslich klaubt es die Chips zusammen und steckt sich meine Bounty oben links in die Hemdtasche.
Was kommt, was bleibt? Ich werde weiterhin in Situationen wie jener Pocket-Achter wegwerfen und mit Ass-Dame pushen. Es ist letztlich nur ein Spiel, in dem es darauf ankommt, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Wenigstens in dieser Hinsicht war das Turnier in Berlin nicht weniger als: ein voller Erfolg.