Flush Hour: Vom Opfer zum Täter - DER SPIEGEL
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Flush Hour Vom Opfer zum Täter

Es ist vollbracht: Unser Kolumnist Lasse König hatte sein erstes Mal und findet, dass sich seine Pokerkarriere gut anlässt. Dabei gehörten seine Gegner der fiesesten Pokerspezies an - Informatiker. Doch auch Roboter sind nur Menschen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Irgendwann habe ich festgestellt: Ich brauche Druck. Ich hätte wohl zum Beispiel nie mit dem Rauchen aufgehört, wenn meine Frau Nora nicht schwanger geworden wäre. Aber ich hatte es versprochen. Später gab es oft Momente, in denen ich dachte, wir hätten mit dem Kind auch noch warten können.

Mit dem Pokerturnier am vergangenen Wochenende war es ähnlich.

Informatiker Mittring (2004): Würden Sie mit so einem pokern?

Informatiker Mittring (2004): Würden Sie mit so einem pokern?

Foto: DDP

Der Freund eines Freundes hatte "solvente Opfer" für eine Pokerrunde im privaten Kreis gesucht. Das klang wie die Anzeige eines Autohändlers, der Schrottwagen geschenkt haben und auch noch die Abwrackprämie kassieren will. Ich sagte natürlich sofort zu. Als ich dann aber wirklich auf dem Weg zum Turnier war, wollte ich plötzlich umkehren vor lauter Aufregung. Aber ich hatte es versprochen.

Die Wohnung lag in Hamburg-Ottensen, in der Mitte des Wohnzimmers stand ein Glastisch, an dem wir zu viert saßen. Wir, das waren drei Informatiker und ich. Ich denke bei Informatikern immer an Gert Mittring, der 2004 die 13. Wurzel aus einer 100-stelligen Zahl zog - in 11,8 Sekunden. Weltrekord. Neben dem Flipchart schaute er danach so, als hätten sie ihm gerade die Wurzeln gezogen. Wer braucht sowas?

Informatiker wie Mittring sind prädestiniert für Kopfarbeit, kein Wunder, dass der Mann auch pokert. Während andere noch ihre Karten anschauen, hat er schon alle Wahrscheinlichkeiten berechnet und den möglichen Gewinn. Vielleicht hat Mittring aus dem sogar schon die elfte Wurzel gezogen, während ich noch überlege, ob ich überhaupt setze?

Das alles macht Angst, deshalb halte nicht nur ich Informatiker für gefährlich. Sie sind die Roland Kochs der Pokerszene und kommen in der Hassliste normaler Spieler gleich hinter sogenannten Bots, verbotenen Pokerprogrammen. Informatiker gelten als berechnend und emotionslos, was sie zu perfekten Spielern und undankbaren Gegnern macht.

Hier saßen gleich drei davon.

Meine Aufregung wurde natürlich nicht kleiner, ich versuchte mich am Glas Cola festzuhalten und mir ansonsten nichts anmerken zu lassen. Peter, der dickste der drei Informatiker, war der erste Dealer. "Na, aufgeregt, Lasse?", fragte er und grinste feist, als er die Karten ausgab. Kai, mein Kumpel, haute mir aufmunternd auf den Rücken und sagte irgendwas wie "geht doch um nix". Dann setzte er seine Sonnenbrille auf. Jens, der größte, musterte mich kalt. Ein Killer. Ich starrte in meine Cola.

Es sollten drei Runden gespielt werden, No Limit Hold'em, Blinderhöhungen alle sechs Minuten. Ein Turboturnier um die Ehre und drei Flaschen sehr guten Wein. Der Vorteil: So ein Turnier geht schnell vorbei. Der Nachteil: So ein Turnier geht schnell vorbei. Die Blinds wachsen wie Unkraut, Fehler werden nicht verziehen. Ich ging noch mal die Strategie durch: Am Anfang alles wegwerfen, auch verlockende Blätter. Imagebuilding nennt man das, hatte ich gelesen. "Der spielt nur, wenn er was hat", sollten die anderen denken.

Der Plan dahinter: Ist das Image erst kreiert, lebt es sich sehr ungeniert. Und er ging auf. Ich spielte in den späten Phasen 6-4, als sei es AQ. Ich setzte bei einem Paar auf dem Board regelmäßig, wenn ich nichts hatte - und ich checkraiste, wenn ich einen Drilling traf. Ich spielte im wahrsten Sinne wie aus dem Lehrbuch - und es funktionierte. Am Ende hatte ich zwei von drei Runden gewonnen.

Der Killer war berechenbar, weil er jedes Blatt sehen wollte. Ich hatte viel über solche neugierigen "Calling-Stations" gelesen, aber nie geglaubt, dass es sie wirklich gibt. Am Anfang gewann der Killer viele kleine Pötte, die großen verlor er allesamt. Die Falten in seinem Gesicht waren irgendwann so groß, dass er aussah wie der Hund von Columbo.

Peter war der Angsthase, der wohl nicht mal zwei Buben aggressiv gespielt hätte - wenn der Arme überhaupt Bilder bekommen hätte. Er tat eigentlich nichts anderes an diesem Abend als seine Karten mechanisch wegzuwerfen. Wie ein Roboter.

Kai war ein offenes Buch, gerade wegen seiner Sonnenbrille. Er nahm sie immer ab, wenn er ein gutes Blatt hatte. Immerhin riskierte er mal etwas, hatte dabei aber leider meist die Sonnenbrille auf.

"Wie oft spielst du?", fragte mich der Killer, als er mich zur Tür brachte. Ich überlegte kurz, ob ich ehrlich sein und seine Schmach damit noch vergrößern sollte. Aber er hatte ja die Cola gekauft, und die Wohnung war auch warm gewesen. "Ab und an, mal hier, mal dort", log ich. Dabei geht es gerade erst los.

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