Flush Hour: Von Goethe und Chinesinnen - DER SPIEGEL
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Flush Hour Von Goethe und Chinesinnen

Johann Wolfgang Goethe steht wie niemand sonst für Weisheit. Und wofür steht das Goethe-Institut? Aktuell für der Weisheit letzter Schluss - deutsche Männer sollen sich zum Zwecke der schnellen Geldvermehrung chinesische Frauen suchen. Unser Pokerkolumnist Lasse König hält das für Unsinn.
Dichterfürst Goethe: Eines schickt sich nicht für alle
Dichterfürst Goethe: Eines schickt sich nicht für alle

Dichterfürst Goethe: Eines schickt sich nicht für alle

Foto: anonymous/ AP
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ich mag die deutsche Sprache. Sie ist mein guter Freund, und ich verteidige sie auch wie einen. Deshalb ist mir das Goethe-Institut immer sehr sympathisch gewesen, weil es sich demselben hehren Ziel verschrieben hat. Mehr wusste ich nie über das Goethe-Institut, und mehr musste man ja auch nicht wissen: Es wird schließlich Goethe drin sein, wo Goethe drauf steht.

Nun ja.

Neulich hat sich Michael Kahn-Ackermann zu Wort gemeldet, der der Chef des Goethe-Instituts in China ist. Er riet den deutschen Männern, wenn sie denn so schnell wie möglich Millionen verdienen wollten, zu einer chinesischen Frau. "Chinesinnen sind zielstrebiger und härter", sagte Kahn-Ackermann, und er sagte das bei einer Diskussion über kulturelle Missverständnisse zwischen Europa und China.

Abgesehen von der bemerkenswerten Analogie, dass offenbar auch Ackermann drin ist, wo Kahn-Ackermann drauf steht - was will er uns damit sagen? Dass deutsche Frauen nichts Wesentliches zur Vermehrung des Familieneinkommens beitragen können? Dass deutsche Frauen weniger zielstrebig sind? Weniger erfolgreich?

Herr Kahn-Ackermann, also erstmal: Erinnern Sie sich?

Eines schickt sich nicht für alle!
Sehe jeder, wie er's treibe,
Sehe jeder, wo er bleibe,
Und wer steht, daß er nicht falle.

Nach dieser arg verkürzten "Beherzigung" könnte ich Ihnen auch noch von Sandra Naujoks erzählen. Oder vom vergangenen Samstag.

Ich spielte ein Deepstack-Turnier im Aceclub als Vorbereitung für die Qualifikation zur Deutschen Pokermeisterschaft. 26 Männer, vier Frauen, eine Verteilung wie in deutschen Führungsebenen oder in der FDP. Es ging gut los. Aufdoppeln des 5000er-Stacks mit Ass-König, verdreifachen mit Assen. Plötzlich saß ich am Finaltisch.

Mit mir am Tisch: Ein Langhaariger, der aussah wie einer dieser jugendlichen Fondsmanager, die den Hals einfach nicht voll kriegen. Er spielte wie der Chef von Lehmann Brothers seinen Job gemacht hatte - mit viel Risiko und wenig Ahnung. Bei einem Board von J-J-2 ging er All-in, ich foldete Ass-Zehn nach langem Überlegen. Er zeigte Ass-9. Als zwei Shortstacks All-in waren und der Langhaarige sowie zwei weitere einfach nur durchchecken mussten, setzte er unmotiviert - mit 10-2. Ein Shortstack blieb deshalb im Turnier.

Ebenfalls am Final Table: Eine Frau, die das genaue Gegenteil von Herrn Lehman war. Die blonde Medizinerin spielte überlegt, zurückhaltend aber aggressiv in den richtigen Momenten. Sie behandelte ihre Chips wie Operationsbesteck, und wenn sie neben mir die Andeutung machte, sich an einer Hand beteiligen zu wollen, suchte ich lieber das Weite.

Nachdem ich mit Ass-König gegen Damen und Ass-Dame zum Chipleader geworden war, saßen wir nur noch zu dritt am Tisch. Der Manager, die Medizinfrau und ich. Herr Kahn-Ackermann, keine Chinesin weit und breit!

Was folgte, war in vielerlei Hinsicht eine Demonstration.

  • Fondsmanager kommen oft ungeschoren davon.
  • Aber zum Glück nicht immer.

Mein Untergang sind ein Pocket-Paar und die Tatsache, dass der Dealer-Wechsel kurz bevor steht. Marc, dem sympathischsten aller Dealer-Zeitgenossen, habe ich meinen großen Chip-Stapel allein zu verdanken. Und weil mein Glücksbringer da gleich nicht mehr sitzen wird, raise ich aus dem Small Blind nach einem Fold der Medizinfrau auf 40.000. Die Blinds liegen bei 7500/15.000, der Fondsmanager hat 54.000 Chips, ich 80.000. Ich halte 4-4. Er schiebt den Rest seiner Chips in die Mitte, ich calle. Lehman zeigt K-10 und grinst wie nach dem Einlösen einer Schweinehälften-Option.

Flop: 2-4-10.

Er grinst nicht mehr. Ich stelle mich gedanklich auf das Heads-up ein.

Turn: 10.

Oh, sagt Lehman. Full House, sage ich und denke an einen dieser Hemdenträger in der Börse Frankfurt. Weit aufgerissene Augen. Verschimmelte Schweinehälften. Telekom-Aktien.

River: 2.

Ich schnaufe tief durch, Lehman gibt mir die Hand. Er hat es ja schließlich verdient, irgendwie. Dann sagt der Ersatz-Dealer sechs Worte, die ich so schnell nicht mehr vergessen werde. "Er hat das höhere Full House." Er? ER?? Zehnen über Zweien. Da ist was dran, denke ich kurz. "Sorry", blökt Lehman. Ich schiebe ihm wie ein geprellter Kleinsparer meine Chips rüber. Die Krise ist überall.

Das Ende der Geschichte ist erfreulicher. Die Medizinfrau gewinnt das Turnier mit 8-9 gegen König-9. Mit einem Zweierpaar auf dem River. Sie war einfach glücklicher, zielstrebiger und härter. Als die Männer, Herr Kahn-Ackermann. Aber zum Glück für uns alle gibt's ja Goethe und dessen "Selbstgefühl", nicht wahr?

Jeder ist doch auch ein Mensch!
Wenn er sich gewahret,
Sieht er, daß Natur an ihm
Wahrlich nicht gesparet,
Daß er manche Lust und Pein
Trägt als Er und eigen;
Sollt' er nicht auch hinterdrein
Wohlgemuth sich zeigen?