Flush Hour: Wagners Welt - DER SPIEGEL
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Flush Hour Wagners Welt

Berlin, schaut auf diese Stadt! Hier wurde ein Pokerturnier überfallen, hier rettete ein Sicherheitsmann viel Geld. Und von hier kam wenig später auch der nächste Angriff. Ein Kolumnist mähte die Pokergemeinde verbal nieder, die Attacke erzürnt das Netz. Warum eigentlich, fragt Lasse König.
Überfallenes Hotel, Polizei: Verbalfeuer auf die Pokerspieler
Überfallenes Hotel, Polizei: Verbalfeuer auf die Pokerspieler

Überfallenes Hotel, Polizei: Verbalfeuer auf die Pokerspieler

Foto: FABRIZIO BENSCH/ REUTERS
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Liebe Poker-Freunde."

So begann der Brief. Liebe Poker-Freunde. Vielleicht war das ja schon der Auslöser für die ganze Aufregung, weil die drei Worte so höhnisch wirkten bei allem, was dann folgte. Liebe Poker-Freunde. Hätte dieser Wagner von dieser "Bild" nicht einfach "Ihr emotions- und ausdruckslosen, geldgeilen Echsengesichter" drüberschreiben können, wo es ja wohl genau das war, was er meinte ?

Gerade zwei Tage war der Überfall auf das EPT-Turnier in Berlin her, Poker stand plötzlich im Mittelpunkt, wenn auch ganz anders, als erhofft. Es war atemlos über Maskierte und Macheten berichtet worden statt über Chipleader oder spannende Charaktere. Es gab Exklusiv-Videos und einen Helden - den Wachmann, der einen Täter in den Schwitzkasten nahm und ihn so um einen Großteil der Beute brachte. Eine echte Räuberpistole, mittendrin Pokerspieler unter Tischen, verwirrt, geschockt.

Und dann das: "Liebe Poker-Freunde."

Franz Josef Wagner, 66, Spitzname "Gossen-Goethe", "Bild"-Chefkolumnist, vom Feuilleton regelmäßig verhohnepiepeltes Urviech der Kolumnistengarde, hatte seine berüchtigte "Post von Wagner" diesmal an die Pokerspieler unter den umgestürzten Tischen gerichtet. Und an alle anderen gleich mit. "Bei jeder Oma, der die Handtasche entrissen wird, habe ich Mitgefühl. Bei Euch nicht."

Au weia. Ein Sturm der Entrüstung brach sich Bahn, offene Briefe an Wagner wurden geschrieben, soziale Netzwerke wie Facebook zu Prangern umfunktioniert. Und die Aufregung ist ja irgendwie auch nachvollziehbar ob so viel dreister Verallgemeinerung. "Aber ihr mit Eurem Pokerface, Euren emotionslosen Echsen-Gesichtern macht es mir schwer. Meist versteckt Ihr auch noch Eure Augen hinter Sonnenbrillen, weil Augen Gier, Niedergeschlagenheit, Hoffnung, Bluff verraten. Euer Spiel ist, dem anderen sein Geld abzunehmen. Mitleidlos, kalt."

Fotostrecke

Überfall auf Pokerturnier: Wie gewonnen, so zerronnen

Foto: SPIEGEL TV

Wer will schon so dargestellt werden? Es gibt großherzige Pokerspieler, bei der EPT gab es Sandra Naujoks' Charity-Aktion "All in 4 Kids". Und Sonnenbrillen? Typisch Klischee. Der Reflex der lieben Poker-Freunde wird auch dann verständlich, wenn man sich vorstellt, dass der Gossen-Goethe auf einen Überfall auf die Hamburger Holstenbrauerei wohl ganz anders reagiert hätte. Jedenfalls nicht mit einer Schmähattacke auf jeden Feierabendbiertrinker in diesem Land. Es sind schließlich auch Handtaschen-Omas darunter. Und ein paar Kolumnisten.

Und doch: Die Vehemenz, mit der die Pokergemeinde auf die Worte Wagners reagierte, ist unangebracht. Sie richtet sich gegen einen Mann, der seit jeher mit seinem Verbalschrot auf alles schießt, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Der Günter Wallraff die "Feder des Bösen" nannte und als "Super!"-Chef für eine der schlimmsten Schlagzeilen der Pressegeschichte verantwortlich zeichnete: "Angeber-Wessi mit Bierflasche erschlagen - Ganz Bernau ist glücklich, daß er tot ist." Eva Herman schmähte er auch schon in seiner Kolumne - so sehr, dass sie vor Gericht zog.

2003 landete er im "GQ"-Meinungsmacher-Ranking abgeschlagen auf Platz 40. Manchmal in den vergangenen neun Jahren soll "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann bei Wagner angerufen haben, weil er nicht verstanden hatte, was sein Kolumnist meinte. In Wagners Arbeitszimmer hing 2001 bei einem SPIEGEL-Besuch ein Bild mit einem riesengroßen Penis drauf. Es war vom Flohmarkt.

Es gibt einige, die ihn bewundern. Es gibt viele, die ihn verachten und mindestens einen, der ihn für den Größten und Besten hält. Wagner selbst. So ist das mit Kolumnisten und Polemikern eben manchmal. Am besten kommt man mit Franz Josef Wagner immer noch zurecht, wenn man ihn einfach ignoriert.