Francois Simon "Die schönste Geschichte der Tour"
Chamrousse - Mit schmerzverzerrtem Gesicht schleppte sich Pascal Simon im Sommer 1983 durch Frankreich. Einen Tag nachdem er das Gelbe Trikot erobert hatte, war er schwer gestürzt und hatte sich das Schlüsselbein gebrochen. Fünf Tage lang leistete Simon der körperlichen Pein erfolgreich Widerstand, erst vor der Etappe nach L'Alpe d'Huez kapitulierte er und machte so den Weg frei für den ersten Tour-Sieg von Laurent Fignon.
"Mein Bruder hätte das Gelbe Trikot nach Paris getragen, wenn er nicht gestürzt wäre", ist Francois Simon noch heute überzeugt. Beim großen Auftritt seines Bruders vor 18 Jahren war Francois 14. Am Dienstag im Alter von 32 Jahren schrieb er selbst ein weiteres Kapitel Familiengeschichte, als er auf der Etappe nach L'Alpe d'Huez das Maillot Jaune übernahm.
Ein märchenhafter Anruf
Francois Simon, der für den zweitklassigen französischen Rennstall Bonjour fährt, hatte der Ausreißergruppe auf der kuriosen Etappe nach Pontarlier angehört und fand sich anschließend im Gesamtklassement auf Platz zwei wieder. Nur der australische Sprintspezialist Stuart O'Grady lag noch vor ihm.
Am Abend vor der Etappe nach L'Alpe d'Huez erhielt "Petit Sim" dann einen geradezu märchenhaften Anruf von seinem größeren Bruder Pascal. "Eines Tages", wird der Ältere in französischen Zeitungen zitiert, "habe ich das Gelbe Trikot an einer Ecke in den Alpen gelassen. Versuche es wiederzufinden." Und Francois tat wie ihm geheißen... Der 62 Kilogramm leichte Pedaleur kämpfte sich den Berg hinauf und seinen Körper ins Gelbe Trikot.
"Ich weiß, was Frust bedeutet"
Lange hatte es nicht danach ausgesehen, als ob auch Francois in den Profiradsport finden würde. Erst als er nach einer Automechanikerlehre keinen Job fand, entschloss er sich, es seinen drei Brüdern - neben Pascal verdienten auch Régis und Jérome ihr Geld durch Radfahren - gleich zu tun. 1991 gab Francois sein Profi-Debüt. Er gewann eine Etappe beim Giro d'Italia (1992) und wurde französischer Meister (1999). Bei der Tour de France hatte er meistens Pech.
Während Pascal (1982), Régis (1985) und Jérome (1988) Etappensiege feiern konnten, fährt Francois bis heute einem Tageserfolg beim größten Radrennen der Welt hinterher. "Ich war schon dreimal Zweiter, einmal Dritter und vier- oder fünfmal Vierter. Ich weiß, was Frust bedeutet." In L'Alpe d'Huez hat Francois Simon jedoch Bekanntschaft mit dem Glück gemacht und versetzte sogar Tour-Direktor Jean-Marie Leblanc ins Schwärmen: "Simon ist eine der schönsten Geschichten, die die Tour de France anbieten kann."