Franziska van Almsick: WM-Rätsel ungelöst - DER SPIEGEL
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Franziska van Almsick WM-Rätsel ungelöst

Schwimmt Franziska van Almsick bei den Weltmeisterschaften in Barcelona oder nicht? In diesen Tagen zeigt sich die 25-jährige Europameisterin anlässlich der nationalen Titelkämpfe in guter Verfassung. Doch das scheint nicht von ausschlaggebender Bedeutung zu sein.
Von Johannes Kopp
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Bereits lange bevor sie an der Reihe war, bestimmte Franziska van Almsick das Geschehen. Der Hallensprecher erklärte den wartenden Zuschauern, der Beginn der Finalläufe verzögere sich ein wenig, da die ARD noch dabei sei, Archivbilder mit van Almsicks Erfolgen auszustrahlen. Man müsse sich gedulden, bis der Sender für die Übertragung bereit sei.

Später dann, als der deutsche Superstar nach dem 100-Meter-Freistil-Wettbewerb nur als Zweite (55,39 Sekunden) aus dem Wasser stieg, präsentierte der öffentlich-rechtliche Sender im Siegerinterview neben der Deutschen Meisterin Antje Buschschulte (55,21) wie selbstverständlich auch van Almsick. Schließlich ist man vor allem ihretwegen da. Im vergangenen Jahr bei der EM in Berlin hatten rund dreieinhalb Millionen Zuschauer den Fernseher eingeschaltet, als sie über ihre Paradestrecke, die 200 Meter Freistil, zum Weltrekord kraulte. Das waren so viele wie noch nie zuvor bei einer Übertragung einer Schwimm-Europameisterschaft.

Nun könnte van Almsick dieses Jahr in Barcelona sogar wieder Weltmeisterin werden - wie 1994 in Rom. Doch die Berlinerin ist unentschlossen. Eigentlich hat sie etwas Besseres vor. "Für mich zählt allein der Olympiasieg in Athen 2004, denn der fehlt mir", sagt sie.

Als 14-Jährige verpasste Franziska van Almsick 1992 in Barcelona nur knapp die Goldmedaille über 200 Meter Freistil und wurde Zweite. Vier Jahre später musste sie sich auf derselben Strecke wieder mit einer Silbermedaille begnügen. In Sydney im Jahre 2000 wollte sie "ein perfektes Rennen schwimmen" und kam nicht einmal in die Finals. Die Boulevardpresse spottete über "Franzi van Speck".

Athen 2004 ist ihr letzter Angriff auf olympisches Gold. Diesem Ziel ordnet sie alles unter, wahrscheinlich verzichtet sie dafür auch auf die WM in Barcelona (13.-27.Juli). Dem öffentlichen Umgarnungsversuch der Teamkollegin Antje Buschschulte ("Wir brauchen dich doch für die Staffel") begegnet sie mit verlegenem Schweigen. Mannschaftssport, so hat sie des Öfteren bekannt, das ist nichts für sie. Es geht nur um sie und olympisches Gold.

Ausgeschlossen allerdings hat sie eine WM-Teilnahme nie. Im Januar kündigte sie an, die Entscheidung werde direkt nach den Deutschen Meisterschaften in Hamburg fallen. Seitdem darf gerätselt werden, wie sie sich entscheidet und wovon sie ihren Entschluss abhängig machen wird. Bundestrainer Ralf Beckmann mag gar nicht mehr fragen: "Wir wollen nicht an eine im Moment verschlossene Tür anklopfen." Am Samstagabend, wenn sie ihre Spezialdisziplin, die 200 Meter Freistil geschwommen ist, will van Almsick Bescheid geben. Ihre Form scheint zu stimmen. Nur 14 Hundertstel war sie auf der 100-Meter-Distanz langsamer als bei den Deutschen Meisterschaften 2002, dem Jahr ihres sensationellen Comebacks. Fünf EM-Titel gewann sie in ihrer Heimatstadt Berlin und rührte nach ihrem fantastischen Weltrekord eine Schwimmhalle voller Menschen zu Tränen. Die momentane Verfassung von "Deutschlands Sportlerin des Jahres 2002" überrascht, da sie erst im Januar wieder ins Training eingestiegen ist. Auf der Pressekonferenz nach dem Wettkampf in Hamburg spricht sie im ernsten Tonfall eines Korrespondenten im Krisengebiet von ihren gesundheitlichen Rückschlägen nach den Europameisterschaften.

Die öffentliche Anteilnahme an ihrem körperlichen Befinden ist für sie eine Selbstverständlichkeit geworden. Sie erzählt mit eindringlichen Blicken von dem Kampf mit einer Nervenbeckenentzündung und einer drohenden Lungenentzündung. Gerade deshalb bilanziert sie trotz der Niederlage gegen Buschschulte frohgemut das 100-Meter-Freistil-Finale: "Ich bin sehr zufrieden. Mir fällt positiv auf, dass ich schnell an das Leistungsvermögen vom letzten Jahr herankomme. Das motiviert mich sehr."

Folglich wäre sie gewappnet für Barcelona? "Sportlich spricht nichts dagegen", räumt sie ein. Es wird still. Van Almsick befällt das Misstrauen. Sie fragt die Reporter: "Und daraus schlussfolgern Sie jetzt etwas?" Einen Moment lang vergräbt sie in verzweifelter Pose ihren Kopf in ihren Armen. Das WM-Fragespiel, das sie selbst erfand, gefällt ihr nicht mehr.

Aber Rätselsteller sind vor Rätselratern nicht gefeit. Wenn die Fitness für einen WM-Start vorhanden ist, stellt sich die Frage nach anderen möglichen Hinderungsgründen. Der "Süddeutschen Zeitung" sagte sie kürzlich, sie könne in Athen nur oben stehen, wenn sie ausgeglichen sei. Ihre mentale Verfassung sei sehr wichtig. Hierin könnte vielleicht der Grund für ihre Scheu vor der WM-Teilnahme liegen. Da sie ihre Kräfte auf Olympia 2004 ausrichtet, fürchtet van Almsick eventuell, durch ein mittelprächtiges Ergebnis bei den Weltmeisterschaften in eine seelische Schieflage zu geraten.

Schonungslos kommentiert Bundestrainer Beckmann van Almsicks Ambitionen: "Ohne persönliche Bestzeit wird es in Athen nicht zum Sieg reichen. Und auch für Barcelona wäre das eine wackelige Kiste." Was er unter "Bestzeit" fordert, wäre nichts weniger als ein neuer Weltrekord.

Nur noch mit einer WM-Zusage könnte Franziska van Almsick in Hamburg alle überraschen. Olympia und Weltmeisterschaft, beides zusammen, sei wahrscheinlich zu viel, hatte sie zuvor bereits erklärt. Auf der Pressekonferenz gab sie die letzte Wasserstandsmeldung: "Es gibt bereits eine Tendenz."